Jaeger-LeCoultre

Ein Tourbillon im Tourbillon im Tourbillon

Jaeger-LeCoultre stellt bei der Watches & Wonders eines der technisch ambitioniertesten Modelle seines Jahrgangs vor und zugleich das erste einer neuen Produktlinie: Der „Master Hybris Inventiva Gyrotourbillon À Stratosphère“ entstand in 22 Jahren Entwicklungszeit. Was macht ihn so besonders?

16. Apr. 2026 Mathias Menzel
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Jaeger-LeCoultre führt seit 2003 die „Hybris Mechanica“-Linie als Plattform für technisch extreme Ultra-Komplikationen – Uhren mit mehreren höchsten Komplikationen in einem einzigen Kaliber. 2014 folgte die „Hybris Artistica“-Linie: dieselben Hochkomplikations-Kaliber, nun zusätzlich in den Fokus der hauseigenen „Métiers Rares“-Werkstätten für Gravur, Emaillierung und Guillochierung gestellt.

Dieses Jahr führt Jaeger-LeCoultre nun eine dritte Kategorie ein: Hybris Inventiva. Das Prinzip ist eine klare Abgrenzung zu beiden Vorgängern: Eine „Hybris Inventiva“-Uhr zeigt immer nur eine einzige Komplikation – aber eine, die so fundamental und technisch bahnbrechend ist, dass sie nach Einschätzung des Hauses den Lauf seiner Geschichte verändern wird. Diese Komplikationen entstammen internen Diskussionen, in denen Uhrmacher und Ingenieure jahrelang – manchmal jahrzehntelang – an scheinbar unmöglichen Konzepten arbeiten, bevor die Prototypen das Haus verlassen.

Der erste Vertreter dieser neuen Linie ist der „Gyrotourbillon À Stratosphère“.

22 Jahre Entwicklung: vom Gyrotourbillon I zum Dreiachsen-System

Die Geschichte des Gyrotourbillons von Jaeger-LeCoultre beginnt 2004 mit der Vorstellung seiner ersten Version in der „Hybris Mechanica“-Linie – einem Zweiachsen-Tourbillon, der als einer der frühesten und technisch bedeutendsten Mehrachsen-Tourbillons der Uhrmachergeschichte gilt. Mit seiner dreidimensionalen Aluminiumkäfig-Konstruktion, die einem schwebenden Miniatur-Kreiselkompass ähnelte, erreichte er eine Positionsabdeckung von 70 Prozent – ein bis dahin unerreichter Wert.

In den folgenden 22 Jahren arbeitete Jaeger-LeCoultre schrittweise an der Weiterentwicklung. Die zweite Generation wurde für das ikonische „Reverso“-Gehäuse adaptiert; die dritte Generation war der erste fliegende Gyrotourbillon mit sphärischer Spirale; die vierte erreichte vollen Fliegerstatus und war der schnellste Gyrotourbillon des Hauses; die fünfte integrierte einen Konstantkraftmechanismus.

Kaliber 178 ist nun die sechste und bislang radikalste Generation: Statt zwei Achsen sind es nun derer drei. Ein Tourbillon im Tourbillon im Tourbillon, wenn man so will.

Der Mechanismus: drei Achsen, 98 Prozent Abdeckung, 0,783 Gramm Gewicht

Das Prinzip des Tourbillons ist in einem Satz erklärt: Das Schwing- und Hemmungssystem einer Uhr rotiert kontinuierlich um seine eigene Achse, um den Einfluss der Schwerkraft auf den Zeitmesser zu egalisieren. Ein Einachsen-Tourbillon dreht in einer Ebene; ein Zweiachsen-Tourbillon deckt zwei Rotationsebenen ab; der „Gyrotourbillon À Stratosphère” dreht gleichzeitig in drei senkrecht zueinander stehenden Ebenen – X, Y und Z.

Die drei konzentrisch angeordneten Titankäfige rotieren mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten: der innere Käfig in 20 Sekunden, der mittlere Referenzkäfig in 60 Sekunden, der äußere Käfig in 90 Sekunden. Diese drei überlagerten Drehbewegungen erzeugen eine komplexe räumliche Bahn, die die Unruh durch nahezu alle denkbaren Lagen führt – 98 Prozent der möglichen Positionen werden abgedeckt, verglichen mit 70 Prozent beim Gyrotourbillon von 2004.

Für maximale isochronische Leistung arbeitet das Kaliber mit einer zylindrischen Unruhspirale – im Unterschied zur flachen Spiralfeder schlägt eine zylindrische Spirale in jeder Lage konzentrisch, unabhängig von Amplitude, Position oder Restgangreserve. Keramikkugellager minimieren die Reibung in den Rotationslagern.

Das Resultat in Zahlen: 189 Komponenten allein im Gyrotourbillon, 0,783 Gramm Gesamtgewicht des Mechanismus – fast doppelt so viele Teile wie ein typisches Zeitanzeige-Kaliber, und das alles leichter als eine Büroklammer.

16 Dekorationstechniken: das Kaliber als Kunstwerk

Kaliber 178 ist zudem das erste Kaliber von Jaeger LeCoultre, bei dem Dekorationstechniken, die traditionell dem Zifferblatt vorbehalten waren, vollständig auf Platinen, Brücken und Federhausdeckel übertragen wurden – die Grenze zwischen Werk und Zifferblatt verschwindet. Insgesamt 16 verschiedene Techniken kommen zum Einsatz: Sandstrahlen, Perlage, Polieren, Flachpolieren, Geradschliff, Liniengebürstet, Kreisgebürstet, Côtes de Genève, Diamantpolieren, Schneckenfinissierung, Sonnenstrahlgebürstet, Abschrägen, Guillochierung, Lackierung, Läppenfinissierung und Emaillierung.

Das aufwendigste Einzelhandwerk: 65 Stunden Handabschrägen pro Uhr – verteilt auf 55 einzelne Bauteile (20 Brücken, 18 Käfigkomponenten, 11 Räder, 6 weitere Mechanismusteile), mit 46 Innenecken, die von Hand bearbeitet werden müssen. Zusätzlich sind 33 Komponenten aus massivem Gold gefertigt – Platinen und Brücken aus Weißgold, deren Weichheit während der Montage besondere Sorgfalt erfordert.

Die frontseitigen 18K-Weißgold-Platinen sind mit Sonnenstrahl-Guillochierung versehen und mit transluzidem blauem Email überzogen. Die sichtbaren Brücken aus ausgearbeitetem Weißgold sind mit blauem Lack gefüllt; selbst die Deckel der beiden großen Federhäuser bei ungefähr 2 und 10 Uhr sind graviert und von Hand lackiert. Das Ergebnis ist ein Zifferblatt, das kein klassisches Zifferblatt mehr ist – sondern eine kinetische architektonische Komposition.

Die Zeit wird auf zwei dezentrierten Ringen angezeigt: Der obere zeigt Stunden und Minuten; ein kleiner roter Pfeil zeigt die Sekunden auf dem unteren Ring rund um den Gyrotourbillon bei 6 Uhr.

Von vorn wie hinten eine Augenweide: Insgesamt 16 Dekorationstechniken machen die Uhr auch zum optischen Highlight.

Das 42-mm-Platin-950-Gehäuse ist 16,15 mm hoch – die physische Konsequenz eines Dreiachs-Tourbillons samt vollständig dekoriertem Kaliber. Die Oberflächen sind poliert, gebürstet und mikrogestrahlt – drei verschiedene Strukturen, die bei jeder Handbewegung ein wechselndes Lichtspiel erzeugen. Die Wasserdichtheit beträgt 50 Meter; die Krone ist wasserdicht versiegelt.

Der transparente Saphirglasboden gibt den Blick frei auf die Rückseite des Kalibers: Sichtbar werden dort Weißgold-Brücken mit Côtes de Genève, Handabschrägungen und Hochglanzpolierung; 53 Rubine, teils in Goldchatons gefasst, deren Tiefrot gegen die Weißgold-Stahl-Ästhetik kontrastiert. Die hochpolierte Stahlbrücke, die den Gyrotourbillon von der Rückseite trägt, ist eine direkte Hommage an die Tourbillonbrücke der legendären Taschenuhren des Hauses von 1946.

Das manuell aufzuziehende Kaliber 178 schlägt mit 28.800 Halbschwingungen pro Stunde und bietet eine Gangreserve von 72 Stunden. Ein blaues Alligatorlederarmband mit verstellbarer Faltschließe aus 18-karätigem Weißgold komplettiert die Uhr.

Das Unerreichbare erreichbar gemacht

Mit 20 nummerierten Exemplaren ist der Gyrotourbillon À Stratosphère als Teil der ständigen „Hybris Inventiva“-Kollektion – im Prinzip – dauerhaft erhältlich. Praktisch ist er das seltenste und anspruchsvollste Stück, das Jaeger-LeCoultre in diesem Jahr vorstellt: 22 Jahre Entwicklungszeit, 16 verschiedene Dekorationstechniken, 189 Gyrotourbillon-Komponenten, 65 Stunden Handarbeit allein für das Abschrägen. Das Ganze ergibt eine Uhr, die neue Maßstäbe in ihrem Metier setzt – und einen Preis, der für die meisten Menschen wohl unerreichbar bleibt und den man nur auf Anfrage erfährt.

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