Ulysse Nardin
Die Krönung von 25 Jahren Freak-Geschichte
Um den Super Freak zu verstehen, muss man den Freak kennen. Als Ulysse Nardin das Original im März 2001 auf der Baselworld vorstellte, war es kein Uhrmacherprodukt in konventionellem Sinne: keine Krone, keine Zeiger, keine herkömmliche Hemmung. Stattdessen rotierte das gesamte Uhrwerk einmal pro Stunde als Minutenzeiger, das Federhaus einmal in zwölf Stunden als Stundenzeiger. Die Hemmung – eine von Ludwig Oechslin entwickelte Dual-Hemmung mit zwei Ankerrädern statt einem – war aus Silizium gefertigt, einem Material, das bis dahin in der Uhrmacherei nicht vorkam.
Das war kein Stilmittel, sondern technische Notwendigkeit: Konventionelle Metalle waren für die extrem leichten Räder der Doppelhemmung entweder zu schwer oder zu weich. Produktionschef Pierre Gygax schlug Silizium vor – das Material, das die mechanische Uhr durch die Quarzuhren-Revolution fast verdrängt hatte, half nun, sie in die Zukunft zu führen. 25 Jahre, 16 Kaliber und 35 Patente später ist der Freak die wohl wichtigste technische Versuchslinie in der Uhrmacherei der Gegenwart.
Der unmittelbare Vorgänger des Super Freak, der Freak S von 2022, galt bis gestern als die komplizierteste Time-Only-Uhr der Welt: Sie integrierte erstmals zwei Schwingsysteme mit einem vertikalen Differential in einer automatischen Armbanduhr. Der auf 50 Exemplare limitierte „Super Freak“ (Stückpreis: 348.100 Euro) übernimmt diese Ausgangslage und geht in jeder Dimension darüber hinaus.
Das Kaliber UN-252: Sieben Ebenen, 97 Prozent in Bewegung
Im Zentrum des Super Freak schlägt das neue Manufakturkaliber UN-252 mit 511 Komponenten und 42 Lagersteinen. Die Architektur folgt dem bekannten Freak-Grundprinzip: Das gesamte Werk rotiert auf einem fliegenden Karussell, das einmal pro Stunde eine vollständige Umdrehung vollzieht und damit die Minute anzeigt. Die Stunden werden über eine blaue, transparente Nanosital-Scheibe angezeigt, die sich einmal in zwölf Stunden dreht und mit weißen Super-Luminova-Indizes akzentuiert ist.
Das Werk baut sich auf sieben Ebenen auf, von denen exakt 97,46 Prozent aller 511 Bauteile in Bewegung sind – lediglich 13 Komponenten bleiben statisch. Diese kinetische Dichte ist optisch spektakulär und uhrmacherisch außerordentlich anspruchsvoll: Je mehr Teile eines Uhrwerks bewegt werden, desto komplexer die Energieführung und desto sensibler das Gleichgewicht aller Kräfte.
Das Doppeltourbillon: Weltweit erstmals automatisch aufgezogen
Die entscheidende Neuheit des UN-252 sind zwei fliegende Tourbillons aus Titan auf der Minutenbrücke, die gegeneinander um jeweils 10 Grad geneigt sind und sich in entgegengesetzten Richtungen drehen – jedes mit einer vollständigen Umdrehung pro 60 Sekunden. Doppeltourbillons sind in der Haute Horlogerie nicht gänzlich unbekannt – Greubel Forsey baute sie in mehreren Varianten, F.P. Journe zeigte Resonanz-Konstruktionen – aber stets als Handaufzugwerke. Ein Doppeltourbillon mit automatischem Aufzug ist nach dem Stand der Technik eine Weltpremiere: Die Energiemenge, die zwei Tourbillons benötigen, übersteigt das, was herkömmliche Automatikrotoren zuverlässig liefern können.
Die Lösung liegt im patentierten Grinder-System, Ulysse Nardins proprietärem Aufzugsmechanismus, bei dem die Schwungmasse über vier nur 0,12 mm dünne Hebel mit einem Rahmen verbunden ist und so die pro Winkelbewegung gewonnene Energie gegenüber konventionellen Systemen verdoppelt – ähnlich einem Fahrrad mit vier statt zwei Pedalen, das auch kleinste Handbewegungen in Aufzugsenergie umwandelt. Das Ergebnis: drei Tage Gangreserve trotz des enormen Energiebedarfs. Die Minutenbrücke mit den beiden Tourbillons selbst wiegt trotz ihrer Komplexität aus 327 Bauteilen lediglich 3,5 Gramm – 30 Prozent leichter als die Minutenbrücke des Freak S.
Kardanaufhängung für die Sekundenzeige
Eine der faszinierendsten und uhrmacherisch aufwendigsten Neuheiten ist die erstmalige Sekundenanzeige in einem Freak – und die Geschichte, wie sie realisiert wurde. Das Problem: Das Differential, das die leicht unterschiedlichen Frequenzen der beiden Tourbillons mittelt und damit Gangabweichungen ausgleicht, sitzt auf einer dezentrierten Achse. Eine Sekundenanzeige an dieser exzentrischen Position erfordert eine Energieübertragung, die nicht achsparallel ist – ein Problem, das in der Navigation und Luft- und Raumfahrt seit Jahrhunderten mit Kardanringen gelöst wird, in der Armbanduhr aber nie zuvor realisiert wurde.
Ulysse Nardin entwickelte dafür in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Mikrosystem-Spezialisten MPS das weltweit kleinste Kardansystem: 11 Bauteile, 4,8 mm Durchmesser, die beiden Übertragungsachsen zusammen 12 mm lang, gefertigt mit einer Toleranz von nur einem Mikrometer. Das System nimmt die Energie des Differentials auf und überträgt sie auf die zylindrische Sekundenanzeige – das 35. Patent in der Freak-Geschichte. Das Differential selbst mit nur 5 mm Durchmesser ist ebenfalls das kleinste seiner Art weltweit; 69 Komponenten, acht Keramikkugellager, mikrometergenau.
Die Materialkunde des Super Freak
Das UN-252 integriert 10 Siliziumkomponenten: zwei Unruhen, zwei Spiralfedern und zwei Hemmungen aus DIAMonSIL, einer 2007 von Ulysse Nardin patentierten diamantbeschichteten Siliziumarchitektur. Die Siliziumunruhen laufen mit 2,5 Hz (18.000 Halbschwingungen/Stunde) – eine vergleichsweise niedrige Frequenz, die bewusst gewählt ist, um den Energiebedarf zu reduzieren, ohne Präzision einzubüßen; die DIAMonSIL-Hemmungen sind dafür ausgelegt, über 155 Millionen Impulse pro Jahr ohne Schmierung und mit nahezu verschleißfreier Oberfläche zu verarbeiten. Die Produktion dieser Siliziumteile erfolgt bei Sigatec, dem renommierten Siliziumlabor in Sion, an dem Ulysse Nardin Anteile besitzt – einem der wenigen Standorte weltweit, an denen uhrmacherische Siliziumkomponenten in dieser Präzisionsstufe hergestellt werden.
Die Stundenscheibe aus Nanosital – einem polykristallinen Glaskeramik-Material auf Basis von Siliziumdioxid und Aluminiumoxid, das in transparentem Blauton erscheint – gibt den Blick auf die gesamte mechanische Architektur darunter frei. Das Material vereint die Transparenz von Glas mit einer Härte, die der von Saphir und Topas nahekommt; der spezifisch „eisige“ Blauton verweist gleichzeitig auf das maritime Erbe der 1846 in Le Locle gegründeten Marke.
60 Stunden Montage, 14 Uhrmacher, fünf Montagespezialisten
Über 70 Prozent aller Werkkomponenten werden von Hand bearbeitet – ein außergewöhnlicher Anteil bei einer Uhr, die gleichzeitig zu den technologisch fortschrittlichsten der Branche zählt. Die Handarbeit an Titankomponenten ist erheblich aufwändiger als an Messing, dem Standardmaterial dekorativer Uhrwerksteile: Titan ist härter, weniger nachgiebig und widerstandsfähiger gegen herkömmliche Werkzeuge – die Bearbeitung einer Titankomponente kann doppelt so lang dauern.
Der Super Freak wird ausschließlich im Haute Horlogerie Atelier in La Chaux-de-Fonds gefertigt, wo 14 auf Grandes Complications spezialisierte Uhrmacher arbeiten, jeder mit einer Ausbildungszeit von mindestens neun Jahren. Für die Montage des Super Freak wurden eigens fünf Uhrmacher ausgebildet – jede der 50 Uhren wird von Anfang bis Ende von einem einzigen Uhrmacher zusammengebaut. Der Aufwand: 60 Stunden reine Montagezeit, gefolgt von fünf Tagen chronometrischer Prüfung.
Das neue 44-mm-Gehäuse aus Weißgold ist gegenüber dem Vorgänger Freak S (45 mm) um einen Millimeter kompakter gehalten. Die Gesamthöhe beträgt 16,54 mm bei einer Höhe von 12,2 mm – im Kontext der mechanischen Dichte ein bemerkenswert kontrollierter Wert.
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