Luxusbranche unter Druck

Sind die besten Zeiten für LVMH & Co. vorbei?

Die globale Luxusgüterindustrie zeigt sich im ersten Quartal widerstandsfähig – doch der eskalierende Konflikt im Nahen Osten sorgt für wachsende Unsicherheit – mit Folgen für die Börsenkurse der großen Konzerne.

28. Apr. 2026 Axel Henselder
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Den lukrativen Duty-Free-Shops in den Golfstaaten fehlen derzeit die Kunden

LVMH, der weltgrößte Luxusgüterkonzern hat in diesem Jahr 40 Prozent seines Börsenwerts verloren. Kering, Mutterkonzern von Gucci und Saint Laurent, liegt ähnlich tief im Minus. Insbesondere die Zukunftsaussichten sind alles andere als rosig. Laut einer Studie von Bain & Company schrumpfte die aktive Kundenbasis des Luxusmarkts 2025 von 350 auf 330 Millionen Menschen. Besonders hart trifft es Konzerne, die stark von Käufern der Mittelschicht abhingen, also von Menschen, die sich Luxus nicht täglich, aber gelegentlich leisteten. Gerade diese Gruppe der Aufsteiger ist nun angesichts ökonomischer Schwierigkeiten rund um den Globus – insbesondere in den Kernmärkten China und USA – als erstes abgesprungen. Die reichsten zwei Prozent der Kunden tragen laut Bain mittlerweile 46 Prozent des weltweiten Luxusumsatzes, 2019 waren es noch 30 Prozent. Zusätzlichen Druck erzeugen steigende Importzölle in den USA und China: Da Luxuskonzerne ihre Produktion kaum ins Ausland verlagern können, ohne ihr Qualitätsversprechen zu beschädigen, fressen die Zölle direkt an den Margen. Der Nahost-Konflikt belastet zudem eine Region, die zuletzt einer der wenigen verlässlichen Wachstumspole des Sektors war.

Die aktuellen Exportzahlen der Schweizer Uhrenindustrie zeichnen ein differenziertes Bild: Im März gingen die Ausfuhren leicht zurück – um ein Prozent weltweit und um 1,6 Prozent in die USA. Besonders deutlich waren die Rückgänge in Deutschland (minus 8,5 Prozent), Japan (minus 12,6 Prozent) und Saudi-Arabien (minus 16,8 Prozent). Gleichzeitig entwickelten sich wichtige Märkte wie Singapur (+4,9 Prozent), China (+4,2 Prozent) und Großbritannien (+3,2 Prozent positiv. Für das erste Quartal ergibt sich insgesamt ein leichtes Wachstum von immerhin 1,4 Prozent.

Diese Zahlen verdeutlichen: Die Nachfrage nach Luxusgütern bleibt noch stabil. Sie verschiebt sich jedoch. Auffällig ist derzeit ein Trend hin zu langlebigen Produkten. Branchenexperten beobachten, dass Konsumenten verstärkt auf wertbeständige Investitionsgüter setzen – etwa hochwertige Uhren und Schmuckstücke mit ikonischem Charakter und hoher Wiederverkaufsfähigkeit. Luxusmarken reagieren darauf mit einer stärkeren Fokussierung auf zeitlose Kollektionen und einer vorsichtigeren Lancierung saisonaler Produkte.

Doch die geopolitische Lage trübt die Perspektiven. Der Krieg im Nahen Osten entfaltet zunehmend direkte und indirekte Auswirkungen auf die Branche. Besonders betroffen ist die Schmuckindustrie, deren Handelsströme eng mit der Golfregion verknüpft sind. Es wurden hier vor allem die teuersten Produkte der Luxuskonzerne an Touristen und Einheimische verkauft. Hochprofitabel waren insbesondere die Duty-Free-Shops an den Flughäfen. Viele Luxusboutiquen haben aber derzeit geschlossen, die Drehkreuze in den Golfstaaten werden von den meisten Airlines gemieden.

Die Türkei etwa spürt die Folgen deutlich: Der wichtigste Absatzmarkt, die Vereinigten Arabischen Emirate mit Exporten im Wert von 2,7 Milliarden Dollar im Jahr 2025, gerät unter Druck. Gleichzeitig verschärfen hohe Goldpreise und lokale Abgaben die Wettbewerbsfähigkeit türkischer Anbieter, die zunehmend Marktanteile an internationale Konkurrenten verlieren.

Auch der Diamanthandel steht vor Herausforderungen. Zwar bleiben zentrale Handelsplätze wie Dubai und Israel operativ aktiv, doch die Unsicherheit wirkt sich auf globale Lieferketten und die Konsumstimmung aus. Branchenvertreter betonen die Resilienz des internationalen Netzwerks, warnen jedoch vor anhaltenden Belastungen bei einer weiteren Eskalation. De Beers plant Insidern zufolge, sein Sightholder-Netzwerk von derzeit rund 70 auf etwa 45 bis 50 Händler zu reduzieren. Auch bei der Produktion zeigt sich der Abschwung: De Beers förderte im vergangenen Jahr weniger als 22 Millionen Karat – ein deutlicher Rückgang gegenüber knapp 35 Millionen Karat im Jahr 2022. Der Mutterkonzern Anglo American Plc versucht derweil, sich von dem Traditionsunternehmen zu trennen. In den vergangenen drei Jahren musste der Bergbaukonzern den Wert von De Beers mehrfach nach unten korrigieren. Aktuell wird das Unternehmen nur noch mit rund 2,3 Milliarden US-Dollar bewertet – ein massiver Einbruch gegenüber mehr als 9 Milliarden US-Dollar seit 2023.

Wie unmittelbar die Auswirkungen sind, zeigte sich zuletzt auf den großen Schmuckmessen in Hongkong: Käufer aus dem Nahen Osten und teilweise auch aus Europa blieben aus. Viele Unternehmen setzen seither auf digitale Kommunikation, um bestehende Geschäftsbeziehungen aufrechtzuerhalten, während geplante Expansionen in der Region vorerst gestoppt werden.

In Südostasien ist die Abhängigkeit vom Nahen Osten bei den fossilen Energien noch viel größer als in den westlichen Industrieländern. Viele Firmen reduzieren die Wochenarbeitszeiten oder setzen auf Homeoffice, da schlicht der Sprit fehlt, um zur Arbeit zu kommen. Die Konsumstimmung ist dementsprechend im Keller. Politische Unsicherheit und wirtschaftliche Risiken führen erfahrungsgemäß zu einer sinkenden Nachfrage nach Luxusgütern.

Damit steht die Branche an einem Wendepunkt. Während strukturelle Trends – wie die Hinwendung zu langlebigen Luxusinvestitionen – weiterhin Wachstumspotenzial bieten, erhöht der geopolitische Druck die Komplexität erheblich. Anders als bei Zöllen oder Rohstoffpreisen, auf die Unternehmen strategisch reagieren können, lassen sich kriegsbedingte Unsicherheiten kaum kalkulieren.

Die Luxusgüterindustrie bleibt somit ein Spiegel globaler Entwicklungen. Entscheidend wird sein, wie flexibel Unternehmen auf die veränderten Rahmenbedingungen reagieren – und ob es ihnen gelingt, neue Wachstumsfelder zu erschließen, während traditionelle Märkte ins Wanken geraten.

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