Halbjahresbericht des BVSU: Rekordzahlen treffen auf gedämpfte Stimmung
Schmuckexporte auf Rekordniveau
Die deutsche Schmuck- und Uhrenindustrie verzeichnet für das erste Halbjahr 2026 neue Höchststände im Außenhandel. Wie der Bundesverband Schmuck, Uhren, Silberwaren und verwandte Industrien (BVSU) mitteilt, erreichte der Gesamtexport von Schmuck, Gold- und Silberwaren rund 4,62 Milliarden Euro. Gegenüber dem ersten Halbjahr 2025 mit 3,43 Milliarden Euro entspricht das einem Plus von 34,6 Prozent. Im Vergleich zum ersten Halbjahr 2024 beträgt der Zuwachs sogar mehr als 82 Prozent.
Damit hat die Branche innerhalb von sechs Monaten bereits rund zwei Drittel des Exportwertes des gesamten Jahres 2025 von 6,92 Milliarden Euro erreicht. Hinter den Rekorden steht laut Verband allerdings keine entsprechend starke Belebung von Nachfrage und Produktion. Entscheidender Faktor sind die massiv gestiegenen Edelmetallpreise.
Fertigschmuck wächst lediglich um fünf Prozent
Besonders deutlich wird dieser Effekt bei Edelmetallen und Halbzeugen. Deren Exportwert erreichte im ersten Halbjahr rund 2,58 Milliarden Euro und lag damit etwa 53 Prozent über dem Vorjahreszeitraum. Veränderungen der Rohstoffpreise schlagen in diesem Segment nahezu unmittelbar auf die statistisch erfassten Außenhandelswerte durch.
Deutlich moderater fällt die Entwicklung beim Fertigschmuck aus. Hier stiegen die Exporte von 1,53 Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2025 auf 1,60 Milliarden Euro, was ein Plus von rund fünf Prozent bedeutet. Preisbereinigt dürfte das Mengenwachstum nach Einschätzung des Verbandes lediglich marginal oder neutral ausgefallen sein.
Eine auffällige Ausnahme bilden Diamanten, synthetische Diamanten, Edelsteine und Perlen. Mit 430,7 Millionen Euro hat sich deren Exportwert gegenüber den 207,7 Millionen Euro des Vorjahreszeitraums mehr als verdoppelt. Da sich diese Entwicklung nicht mit dem allgemeinen Edelmetallpreiseffekt erklären lässt, sieht der Verband hier weiteren Beobachtungsbedarf.
Zweites Quartal verliert an Dynamik
Auch der Quartalsvergleich relativiert die Rekordzahlen. Im ersten Quartal 2026 erreichten die Exporte 2,44 Milliarden Euro und lagen damit rund 54 Prozent über dem entsprechenden Vorjahresquartal. Im zweiten Quartal sank der Wert auf 2,18 Milliarden Euro. Das waren zwar immer noch rund 21 Prozent mehr als im zweiten Quartal 2025, aber deutlich weniger als zu Jahresbeginn.
Der BV Schmuck und Uhren wertet dies als Hinweis darauf, dass der außergewöhnliche Preiseffekt des ersten Quartals im weiteren Jahresverlauf an Intensität verloren hat.
Auf der Importseite zeigt sich ebenfalls ein hohes Niveau. Insgesamt wurden Schmuck, Gold- und Silberwaren im Wert von 4,09 Milliarden Euro eingeführt, rund 27 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2025. Bei Fertigschmuck stiegen die Importe um etwa 13 Prozent auf 1,39 Milliarden Euro – und damit deutlich stärker als die Exporte von Fertigschmuck.
Uhrenindustrie wächst moderat
Ein anderes Bild zeichnet der Verband für die deutsche Uhrenindustrie. Die Exporte von Uhren, Großuhren und Uhrenteilen erreichten im ersten Halbjahr 989,5 Millionen Euro. Gegenüber 940,4 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum entspricht das einem Plus von 5,2 Prozent.
Da die Uhrenzahlen weniger stark von den gestiegenen Edelmetallpreisen beeinflusst werden, sieht der Verband darin Anzeichen für eine moderate Nachfragebelebung. Zudem erhöhte sich der Exportwert von 471,3 Millionen Euro im ersten auf 518,2 Millionen Euro im zweiten Quartal.
Die Uhrenimporte stiegen gleichzeitig um 9,9 Prozent von 1,22 auf 1,34 Milliarden Euro. Steigende Ein- und Ausfuhren könnten nach Einschätzung des Verbandes auf eine Normalisierung nach der Lagerbereinigung der vergangenen Jahre hindeuten.
Gedämpfte Stimmung: Hohe Preise belasten die Betriebe
Trotz der statistischen Rekorde bleibt das operative Umfeld für die Branche anspruchsvoll. Hohe Edelmetallpreise erhöhen den Kapitalbedarf beim Materialeinkauf und erschweren die Kalkulation. Hersteller stehen vor der Herausforderung, höhere Materialkosten an ihre Kunden weiterzugeben, ohne dabei Absatzvolumen zu verlieren. Gleichzeitig bleibt das Konsumumfeld in Europa verhalten.
Hinzu kommen geopolitische und handelspolitische Unsicherheiten. Nach Einschätzung des Verbandes haben unter anderem der Ukraine-Krieg, die Spannungen zwischen den USA und China, Fragen zur Staatsverschuldung sowie der seit Ende Februar eskalierte Irankonflikt die Nachfrage nach Edelmetallen als Sicherungsanlage zusätzlich verstärkt.
Für Schmuck- und Uhrenhersteller wirkt die geopolitische Unsicherheit dabei in mehrfacher Hinsicht: Neben höheren Rohstoffkosten verweist der Verband auf eine gedämpfte Konsumnachfrage in wichtigen Märkten der Golfregion.
Rekord ist kein Konjunkturboom
Die Halbjahresbilanz liefert deshalb ein zweigeteiltes Bild. Nominal erreicht der deutsche Schmuckaußenhandel historische Dimensionen. Die Entwicklung des Fertigschmucks zeigt jedoch, dass daraus kein vergleichbarer konjunktureller Boom abgeleitet werden kann.
Entscheidend werden nun das dritte und vierte Quartal. Sie dürften zeigen, ob sich die hohen Außenhandelswerte stabilisieren – oder ob 2026 vor allem aufgrund außergewöhnlicher Rohstoffpreise als statistisches Ausnahmejahr in Erinnerung bleibt.
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