H. Moser

Der feine Klang des offenen Herzens

Die „Endeavour Minute Repeater Cylindrical Tourbillon Skeleton“ von H. Moser kombiniert eine vollständig skelettierte Minutenrepetition mit einem fliegenden Minutentourbillon mit zylindrischer Spiralfeder.

16. Apr. 2026 Mathias Menzel
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„Wir bei H. Moser & Cie. verstecken unsere Komplikationen nicht. Sie sollen gesehen und gehört werden“, umschreibt die Schaffhauser Manufaktur ihr Credo. Die „Endeavour Minute Repeater Tourbillon“ war deshalb in ihren früheren Ausführungen – Aqua Blue, Concept Fumé – bereits ein ungewöhnliches Statement: Hämmer und Tonfedern waren nicht auf der Rückseite verborgen, sondern auf der Zifferblattseite montiert, wo man sie sieht und hört. Das bedeutete aber auch, das gesamte Uhrwerk neu denken zu müssen.

Im Fall der neuen „Endeavour Minute Repeater Cylindrical Tourbillon Skeleton“, limitiert auf 20 Exemplare, potenziert sich dieser Aufwand: Denn bei ihr ist nicht nur das Schlagwerk sichtbar, sondern alles. Keine Platine als opaker Hintergrund, keine undurchbrochene Fläche, keine Ablenkung vom Mechanismus. Und alles, was sichtbar ist, muss makellos sein.

Das Kaliber HMC 909: neu entwickelt, vollständig skelettiert

Das Kaliber HMC 909 ist keine Skelettierung eines bestehenden Werks, sondern ein von Grund auf neu entwickeltes Handaufzugskaliber mit 33 mm Durchmesser und 9,6 mm Höhe. Es besteht aus 415 Bauteilen und läuft auf 35 Rubinen mit einer Frequenz von 21.600 Halbschwingungen pro Stunde (3 Hz) – einer Gangfrequenz, die für ein Schlagwerk optimal ist, da sie eine präzise Zeitabfrage ermöglicht, ohne den Klangmechanismus zu belasten. Die Gangreserve beträgt 90 Stunden.

Was das Skelettieren dieses spezifischen Kalibers so anspruchsvoll macht: Bei einem vollständig sichtbaren Werk – und vollständig sichtbarem Schlagwerk – gibt es keinen Ort, an dem sich Ungenauigkeiten verstecken ließen. Das hat direkte Konsequenzen für die Fertigungstiefe. Jede Brücke, jede Werkplatte trägt die charakteristischen Moser-Doppelstreifen – das markante Finissierungsmerkmal des Hauses, das in zwei parallelen Polierbahnen über Platinen und Brücken läuft und eine handwerkliche Referenz an Côtes de Genève ist, dabei aber unverwechselbar Moser bleibt. Alle Veredelungen und Verzierungen des Kalibers und seiner Komponenten erfolgen von Hand.

Konstruktive Entscheidung mit Konsequenzen

Eine Minutenrepetition auf der Vorderseite der Uhr zu positionieren klingt einfacher, als es ist. Traditionell liegen Hämmer und Tonfedern einer Repetition auf der Werkrückseite, gut versteckt unter dem Zifferblatt, unsichtbar und unhörbar – außer wenn das Werk ausgelöst wird. Das hat seinen Grund: Dort ist Platz, dort stören die gebogenen Tonfedern die Zeitanzeige nicht, und dort müssen sie nicht finissiert werden wie ein Präzisionsinstrument, das ständig im Blick ist.

H. Moser dreht dieses Prinzip um. Die Tonfedern wurden gebogen, auf derselben Ebene positioniert und präzise in ihren Volumina aufeinander abgestimmt, damit sie zum einen nicht das fliegende Tourbillon bei 6 Uhr berühren, zum anderen klanglich harmonieren.  Der Schieber zur Auslösung der Repetition sitzt auf einer Teflonschiene, die platzsparend in die Werkplatte integriert ist. Und weil alles offen liegt, müssen auch die Hämmer und Tonfedern das Finish eines zur Schau gestellten Mechanismus tragen.

Das Gehäuse als Resonanzkörper: warum Titan nicht zufällig gewählt ist

Das 40-mm-Titan-Gehäuse ist nicht aus Leichtgewichtsgründen gewählt worden – Titan ist bei dieser Gehäusegröße kein notwendiges Zugeständnis an Tragekomfort, sondern eine akustische Entscheidung. Titan ist steif und dämpft kaum; es bewahrt die Schwingungsenergie der Tonfedern. Das Gehäusemittelteil wurde zudem so weit wie möglich ausgehöhlt, um einen echten Resonanzkörper zu schaffen. Jedes Volumen – die Wandstärken, die Hohlräume, die Saphirgläser vorn und hinten – trägt zur Übertragung der Schwingungen bei.

Das Ergebnis ist ein Glockenschlag, der voller klingt, länger nachhallt und klarer in seinem Ton platziert ist, als er es in einem konventionellen Stahlgehäuse wäre. Wer jemals eine Minutenrepetition in Titan gegen eine in Gold oder Stahl verglichen hat, kennt den Unterschied – und Moser hat dieses Prinzip bei früheren Modellen bereits demonstriert.

Die zylindrische Spiralfeder: das seltenste Handwerk im Werk

Das fliegende Minutentourbillon bei 6 Uhr läuft auf einer zylindrischen Spiralfeder – der aufwendigsten und seltensten Spiralform der mechanischen Uhrmacherei. Zylindrische Spiralfedern stammen aus der Tradition der Marinechronometer des 18. Jahrhunderts; sie winden sich senkrecht um den oberen Abschnitt der Unruhwelle statt flach um die Unruhachse. Ihre konzentrische Geometrie macht sie nahezu lageunabhängig und verbessert die isochronen Eigenschaften – die Gleichförmigkeit der Schwingungsamplitude unabhängig von Spannung und Position.

Das Problem: Das Wissen, zylindrische Spiralfedern herzustellen, war im 20. Jahrhundert nahezu vollständig verschwunden. Die Precision Engineering AG (PEAG), Schwestergesellschaft von H. Moser & Cie. und Spezialist für Regulierorgane und Spiralfedern, musste sich dieses Know-how von Grund auf neu erarbeiten. Jede zylindrische Spiralfeder wird von Hand geformt – ein Verfahren, das zehnmal länger dauert als die Herstellung einer konventionellen Flachspiralfeder. Dass dieses Kaliber eine solche Spirale in Kombination mit einer Minutenrepetition und einem Tourbillon in einem 40-mm-Gehäuse unterbringt, ist das eigentliche uhrmacherische Kunststück dieser Uhr.

Ein Funky-Blue-Kontrapunkt im Herzen der Mechanik

Im vollständig skelettierten, durch und durch offenen Kaliber setzt Moser einen bewussten Kontrapunkt: ein kleines, gewölbtes Hilfszifferblatt bei 2 Uhr in Funky Blue Fumé – dem charakteristischen rauchigen Tiefblau des Hauses, das durch seinen Verlauf in der Mitte heller, am Rand dunkler erscheint. Auf diesem Hilfszifferblatt ist das H.-Moser-&-Cie.-Logo in transparentem Lack aufgebracht – sichtbar, aber nicht aufdringlich, eine Art geheime Signatur inmitten der blanken Mechanik. Die römischen Ziffern sind mit Folie aufgetragen; blattförmige Gold-Zeiger für Stunden und Minuten.

Dieser eine blaue Kreis inmitten des offenen Werks ist ein typischer Moser-Kunstgriff: Die Marke fügt dem technisch Extremen immer ein Element ästhetischer Wärme bei, das den Charakter des Hauses definiert und die Uhr erkennbar macht – selbst in einem Raum voller Hochkomplikationen.

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