Nachhaltigkeit | Sustainable Jewellery Day
Champions-League in Pforzheim
Sie gaben sich das Mikrofon in die Hand und sorgten für einen prall gefüllten Tag unabhängiger Informationen. Beim zweiten „Sustainable Jewellery Day“ in Pforzheim legten die Organisatoren um Dr. Guido Grohmann und Uwe Staib, Hauptgeschäftsführer beziehungsweise Präsident des Bundesverbandes Schmuck, Uhren, Silberwaren und verwandte Industrien (BVSU), noch eine Schippe drauf und konnten die weltweit wichtigsten Vertreter der Nachhaltigkeits-Bewegung in der Schmuckbranche für Vorträge und Diskussionen gewinnen: CIBJO, RJC, De Beers, sie alle kamen in die Goldstadt, um ihre Sicht aufs Thema kundzutun und die essentiell wichtige Nachhaltigkeit-Debatte fortzuführen.
Es lag viel Lob in der Luft. Die Veranstalter bedankten sich bei den hochkarätigen Referenten, aber auch diese beteuerten immer wieder, wie dankbar sie seien, vor diesem interessierten Publikum sprechen zu dürfen. Denn auch die Liste der zuhörenden Teilnehmer war prominent besetzt. Vertreter der wichtigsten Scheideanstalten, viele Verarbeitungsbetriebe, Verpackungsspezialisten, zahlreiche Schmuckmarken und auch Großhandelsunternehmen, Institutionen, Messen und Juweliere ließen es sich nicht nehmen, Informationen aus erster Hand zu bekommen.
Neue Generation klopft an
Kein Zweifel kam auf über die Notwendigkeit und Dringlichkeit dieser Debatte. Neben den ökologischen Folgen unseres aktuellen Handelns klopfte immer wieder der Konsument in Form der jüngeren Generationen an. Seien es die jungen Enkel des CIBJO-Präsidenten Dr. Gaetano Cavalieri mit ihrem überraschend selbstständigen Umgang mit dem Smartphone, oder seien es Marktforschungs-Untersuchungen des National Diamond Council zum Informations- und Kaufverhalten von Gen-Z. Raluca Anghel, Global Head of External Affairs, stellte Influencer-Kooperationen und Social-Media-Kampagnen vor. Ein „einfach so weitermachen“ könne es nicht geben, sonst verliere man die kommenden Generationen. Glücklicherweise aber gab es an diesem Tag auch viele Antworten, wie es besser wird. Immer wieder wurde der Wunsch nach Praktikabilität dieser oft so theoretisch geführten Diskussionen laut – und auch bedient.
Alexander Gul von A. Gul aus Pforzheim beispielsweise berichtete von seiner Kooperation mit Tracr, bei der die Herkunft von Diamanten von „rough bis retail“ lückenlos dokumentiert werden kann. Das von De Beers gestartete Projekt, bei dem jüngst auch GIA als Teilhaber eingestiegen ist, könnte die Branche verändern, so Gul, zumindest aber kann sie dem Konsumenten Antworten geben auf dringende Fragen. Auch Emanuela Morando, Chief Commercial Officer von Tracr, machte deutlich, dass die Diskussion um Blutdiamanten durchaus noch relevant sei. Nun aber gebe es die Möglichkeit, die lückenlose Geschichte des Diamanten von der Mine bis zum Juwelier zu dokumentieren. Jedes Dossier erzähle ganz konkret die Geschichte des betreffenden Steins, man müsse also nicht unpersönliche Hochglanz-Bilder nutzen, sondern habe eine spannende und individuelle Geschichte über exakt diesen Diamanten zu erzählen.
Als Mystery Shopper unterwegs
„Wir müssen vorbereitet sein auf die Fragen des Konsumenten. Vor allem die Generation Alpha will viel wissen“, berichtete Iris van der Veken, Executive Director der Watch & Jewellery Initiative 2030. Die Initiative wurde vor vier Jahren von Kering und Cartier gegründet und sucht Ideen, wie die Branche in zehn Jahren und darüber hinaus nachhaltiger wird. Dazu werden gemeinsam mit Unternehmen, Wissenschaft, NGOs und politischen Akteuren offene Leitfäden, Werkzeuge und Standards entwickelt, die insbesondere auch kleine und mittlere Unternehmen bei der Umsetzung von Nachhaltigkeitsmaßnahmen unterstützen. Zustimmung bei Cavalieri. Wenn er unerkannt als „Mystery Shopper“ in Juweliergeschäften unterwegs ist, merke er immer wieder, wie wenig das Verkaufspersonal über das weiß, was es verkauft. Er sieht die CIBJO als unabhängige und unbestechliche Quelle, die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen in Schmuck zu schützen. In seinem Vortrag erinnerte er auch an den deutschen Juwelier Rudolf Biehler, der international durch einen Gerichtsfall im Jahr 2004 bekannt wurde, als er beim Landgericht München eine einstweilige Verfügung gegen das US-Unternehmen Gemesis beantragte, das synthetische Diamanten als „cultured diamonds“ bewarb. Bei diesem Prozess wurde weltweit erstmals das „CIBJO Diamond Blue Book“ als gerichtlich anerkannte Referenz zur Terminologie herangezogen. Cavalieri, der bereits damals CIBJO-Präsident war und heute als einer der international bedeutendsten Sprecher der Branche gilt, appellierte an die Kraft der Gemeinschaft.
Suche nach gemeinsamen Standards
Wie gemeinsame Standards und Glaubwürdigkeit entstehen, berichtete auch Purvi Shah, seit Anfang des Jahres Executive Director des Responsible Jewellery Council. Der RJC als weltweit größte Organisation für verantwortungsvolle Geschäftspraktiken in der Schmuck- und Uhrenindustrie hat im vergangenen Jahr einen eigenen Standard für synthetische Diamanten eingeführt. In ihrem Beitrag berichtete Shah über die branchenweite Zusammenarbeit mit besonderem Blick auf die stärkere Einbindung kleinerer und mittlerer Unternehmen. In einer Diskussionsrunde thematisierten Alexander Gul (A. Gul KG, Pforzheim), Johanna Levy (GIA), Jilian Wolk und Emanuela Morando (Tracr) sowie Mahiar Borhanjoo (De Beers Group) die Transparenz in der Diamant-Wertschöpfungskette. Im Mittelpunkt standen blockchainbasierte Rückverfolgung, unabhängige Herkunftsverifizierung und die Frage, wie gemeinsame Anstrengungen entlang der Wertschöpfungskette einen konkreten Mehrwert für Unternehmen und Konsumenten bringen. Jennifer Moriconi von iTraceiT stellte ihre Blockchain-basierte Rückverfolgbarkeitsplattform vor, bei der die Auftraggeber flexibel entscheiden können, welche physischen oder digitalen Identifikationsmerkmale für ihre Diamanten, Farbedelsteine oder Edelmetalle sie benötigen und wieviel Aufwand hierfür betrieben werden soll.
Niemals nur „lab grown“
Bei aller Übereinstimmung für die große Bedeutung des Themas generell ging es an diesem Tag auch um den individuellen Willen, seine gewohnten Muster zu überdenken und gegebenenfalls zu verändern – angefangen bei der Wortwahl zentraler Begriffe. Dr. Guido Grohmann nahm die Anwesenheit des CIBJO-Präsidenten zum Anlass, ihn zu fragen, wie der synthetische Diamant denn nun korrekt heißen soll. Eben nicht „lab-grown“, sondern immer „laboratory-grown diamond“, sagte Cavalieri. Nach intensiver Diskussion innerhalb des internationalen Branchenverbands sei man übereingekommen, dass nicht alle Konsumenten mit dem Begriff „lab“ etwas anfangen können. Dem schloss sich Grohmann an. In Deutschland stünde dieser Begriff eher für den „Labrador“-Hund.
Der Sustainable Jewellery Day 2026 wurde unterstützt von A. Gul, iTraceiT, Inhorgenta, Valorima (Mannheimer Versicherung), Ferrari Group, Tracr und Deutsche Schmuck und Uhren.
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