Jörg Gellner im Interview
„Ich wollte die Firma nie an den Höchstbieter verkaufen“
Jörg Gellner
GZ: Herr Gellner, Gellner steht wirtschaftlich gut da und ist zuletzt knapp zehn Prozent gewachsen. Warum verkaufen Sie ausgerechnet jetzt?
Jörg Gellner: Für mich gab es eigentlich immer nur zwei Möglichkeiten. Die erste wäre natürlich gewesen, dass die dritte Generation übernimmt. Das wäre der Idealfall gewesen. Wir haben das im vergangenen Jahr während eines gemeinsamen Familienurlaubs mit meiner Frau und unseren Kindern noch einmal sehr ausführlich besprochen. Dabei wurde aber klar, dass die Interessen meiner Kinder woanders liegen. Meine älteste Tochter studiert Kunstgeschichte, mein Sohn Psychologie und meine jüngste Tochter ist mit 15 Jahren schlicht noch zu jung. Und ich habe für mich entschieden: So lange möchte ich nicht warten.
Damit war eine Nachfolge innerhalb der Familie endgültig vom Tisch?
Ja. Und dann gab es für mich nur noch die zweite Möglichkeit: jemanden zu finden, dem ich die Firma wirklich guten Gewissens anvertrauen kann. Eine Liquidation wäre für mich nie infrage gekommen, selbst wenn sie irgendwann wirtschaftlich vielleicht sinnvoller gewesen wäre. Und ich wollte Gellner auch nie einfach an den Höchstbietenden verkaufen oder einen Prozess starten, bei dem eine Gesellschaft eine Ausschreibung organisiert. Das war nicht mein Weg.
Sie haben also nicht erst den Markt nach möglichen Käufern abgesucht?
Nein. Ich hatte eigentlich schon immer zwei oder drei Menschen im Kopf, die ich in einem solchen Fall ansprechen würde. Falk Dettinger war tatsächlich mein erster Kandidat. Ich habe ihn in den vergangenen fünf Jahren intensiver kennengelernt und schätzen gelernt. Er war derjenige, dem ich die Firma am liebsten anvertrauen wollte. Deshalb habe ich ihn auch selbst angesprochen.
Wann war das?
Im Oktober vergangenen Jahres. Danach hatten wir beide zunächst viel mit den Vorbereitungen auf die Inhorgenta zu tun und haben irgendwann gesagt: Wir setzen die Gespräche nach der Messe fort. Dann wurde es intensiver und wir sind uns grundsätzlich relativ schnell und unkompliziert einig geworden. Natürlich brauchen die vielen Details eines solchen Verkaufs trotzdem ihre Zeit.
Sie haben nicht nur eine Mehrheit abgegeben, sondern Gellner vollständig verkauft. Warum?
Ich hatte vor längerer Zeit einmal darüber nachgedacht, einen Investor hereinzunehmen. Aber ich habe gemerkt, dass das für mich nicht die richtige Lösung ist. Deshalb war irgendwann klar: Entweder verkaufe ich ganz oder gar nicht. Dettinger Schmuck hat 100 Prozent übernommen.
Das klingt nach einem sehr klaren Schnitt. Schmerzt es trotzdem, nach 30 Jahren nicht mehr Eigentümer des Unternehmens zu sein?
Eigentlich nicht. Ich bleibe ja an Bord, nur eben nicht mehr in der Unternehmensführung. Falk hat mich sogar gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, diese weiterzuführen. Das habe ich ganz bewusst abgelehnt. Wenn es ein neues Kapitel gibt, dann soll es auch wirklich ein neues Kapitel sein. Ich möchte die unternehmerische Verantwortung nicht mehr tragen.
Was möchten Sie stattdessen machen?
Der kreative Bereich macht mir große Freude. Dort habe ich mich schon immer stark eingebracht, aber im Tagesgeschäft fehlte dafür manchmal die Zeit. Künftig kann ich mich wieder intensiver mit Design, Produktentwicklung und natürlich mit unseren Perlen beschäftigen. Das ist für mich eine sehr schöne Perspektive.
Die Pressemitteilung stellt vor allem die Kontinuität heraus. Was kann Falk Dettinger Gellner darüber hinaus geben?
Wir sind im deutschsprachigen Raum sehr gut aufgestellt. In Deutschland gibt es kaum noch einen Kunden auf unserer Wunschliste, bei dem wir nicht vertreten sind. Wir sind beispielsweise bei fast allen Rolex-Händlern platziert. Das heißt: Wachstum kann hier vor allem noch beim bestehenden Kunden stattfinden. International sieht das ganz anders aus. Wir haben beispielsweise noch keine Kunden in Portugal, Spanien oder Italien. Falk ist international deutlich breiter aufgestellt und auf wesentlich mehr Messen präsent. Davon kann Gellner profitieren.
Ein erstes Beispiel ist bereits die Vicenzaoro?
Ja. Wir treten dort jetzt gemeinsam auf. Interessanterweise war das schon vereinbart, bevor der Verkauf endgültig feststand. Ich hatte einen Stand angeboten bekommen und Falk gefragt, was er von der Lage hält. Er hatte bei sich noch Platz und so entstand die Idee, gemeinsam auszustellen. Gerade weil er in Vicenza hervorragend vernetzt ist, ist das für Gellner natürlich interessant. Die Zusammenarbeit hätten wir übrigens auch gemacht, wenn der Verkauf am Ende nicht zustande gekommen wäre.
„Gellner bleibt Gellner“ lautet die zentrale Botschaft. Aber eine Sache ändert sich fundamental: Sie entscheiden künftig nicht mehr allein.
Ganz klar. Es ist jetzt nicht mehr meine Firma. Falk trägt die unternehmerische Verantwortung. Ich werde ihn bei der Ausrichtung der Marke beraten, aber eben wirklich beraten. Die Entscheidung trifft am Ende er – und das soll er auch. Ich will das genauso.
Wo ergänzen Sie sich?
Bei Gellner bringen wir sehr viel Erfahrung in der Markenpolitik mit. Falk wiederum hat große Erfahrung im Vertrieb, in der Produktion und natürlich im Diamantbereich. Ich glaube, dass daraus viele Synergien entstehen können. Gellner kann durch ihn weiter wachsen und vielleicht können umgekehrt auch Bereiche bei Dettinger von unseren Kompetenzen profitieren.
Beim Design behalten Sie dagegen die Führung?
Ja. Das werde ich weiterhin führen und begleiten. Das ist ein Bereich, den ich sehr gerne mache. Dazu kommt weiterhin der internationale Perleneinkauf. Diese beiden Themen bleiben ganz klar bei mir.
Was bedeutet der Eigentümerwechsel unmittelbar für die Handelspartner?
Zunächst einmal bleibt alles gleich. Die Produktion und die Manufaktur bleiben in Wiernsheim, das Team bleibt und Nicole Lutz führt als Geschäftsführerin weiter das operative Geschäft – möglicherweise sogar mit noch größerer Verantwortung als bisher. Für unsere Partner bedeutet das Kontinuität. Gleichzeitig wird Falk natürlich neue Impulse einbringen. Genau darin liegt für mich auch die Chance.
Sie geben also Ihr Unternehmen ab, aber nicht Gellner?
So kann man es sagen. Ich bin nicht mehr der Chef der Mannschaft. Und das ist eine Rolle, die ich ganz bewusst abgebe. Aber ich bleibe Gellner eng verbunden und kann mich künftig stärker auf die Dinge konzentrieren, die mir besonders viel Freude machen.
Herzlichen Dank für Ihre offenen Worte!
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