Nachhaltigkeit | Bundesverband

„Aus Aktionismus wird stiller Maßstab“

Dr. Guido Grohmann, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Schmuck und Uhren, findet es gar nicht so schlecht, dass das Thema Nachhaltigkeit etwas aus dem aktuellen Fokus geraten ist.

01. Juli 2026 Ulrich Voß
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Herr Dr. Grohmann, um die Nachhaltigkeitsdebatte ist es stiller geworden. Hat das Thema an Relevanz verloren?

Dr. Guido Grohmann: Nein – aber es hat sich verändert. Was wir gerade erleben, ist keine Bedeutungslosigkeit, sondern eine Normalisierung. Nachhaltigkeit ist aus der Empörungs- und Begeisterungsphase heraus und integriert sich langsam in den Arbeitsalltag. Das ist ein gutes Zeichen. Was lauter Aktionismus war, wird jetzt stiller Maßstab. Gleichzeitig stimmt: Wenn Unternehmen ums Überleben kämpfen, wenn Energiepreise explodieren und Lieferketten reißen, dann rückt Nachhaltigkeit in der Prioritätenliste nach unten. Das ist oft verständlich – aber auch risikoreich. Denn die regulatorischen Anforderungen kommen trotzdem: Lieferkettensorgfalt, ESG-Berichtspflichten, CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive).

Was ist Nachhaltigkeit heute?

Nachhaltigkeit heute ist kein Lifestyle – es ist Risikomanagement. Für einen Schmuckhersteller bedeutet das konkret: Woher kommt mein Gold? Wer hat meine Edelsteine gefördert, unter welchen Bedingungen? Kann ich das dokumentieren, und zwar so, dass ich es einem Kunden oder einem Compliance-Officer erklären kann? Das hat nichts mit Moralismus zu tun. Es geht um Belastbarkeit der Lieferkette, Rechtskonformität und Markenwert. Wer das nicht ernst nimmt, hat ein Problem, welches nichts oder wenig mit Weltanschauung zu tun hat.

„Nachhaltigkeit heute ist kein Lifestyle – es ist Risikomanagement.“
Dr. Guido Grohmann

Lohnt es sich, Aufklärungsarbeit zu leisten?

Ja, aber man muss den richtigen Ton treffen. Aufklärung im Sinne von Belehrung oder negativem Campaigning – das funktioniert nicht und hat noch nie funktioniert. Was funktioniert, ist positive Konkretheit: Diese Mine, dieses Zertifikat, dieser Hersteller arbeitet nachweislich mit recyceltem Gold. Menschen ändern Verhalten nicht durch Appelle, sondern durch Verständnis und Vertrauen. Und Vertrauen entsteht durch Transparenz.

Ist der „Sustainable Jewellery Day“, den Sie am 8. Juli organisieren und der das zweite Mal stattfindet, als wiederkehrendes Format geplant?

Ja, das ist ausdrücklich als Dauerformat gedacht, zumindest so lange das Thema so präsent ist wie aktuell. Das übergeordnete Ziel ist, dem Thema Nachhaltigkeit in der Schmuck- und Uhrenbranche am 8. Juli einen festen Platz im Jahreskalender zu geben – einen Moment, an dem die Branche kollektiv kommunizieren und sich positionieren kann.

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