Symposiumsteilnehmer sehen Branche auf gutem Weg, aber noch nicht am Ziel
Symposium in Pforzheim: Nachhaltigkeit braucht den offenen Dialog
Bild: Ralf Schröder / Fairgem Consulting
Kann Schmuck überhaupt nachhaltig sein – oder lediglich nachhaltiger werden? Diese Frage stand im Mittelpunkt des Symposiums „Nachhaltiger Schmuck?!“, das kürzlich an der Hochschule Pforzheim stattfand. Rund 80 bis 100 Vertreter aus Schmuckbranche, Edelmetallwirtschaft, Wissenschaft und Ausbildung kamen zusammen, um über die Zukunft nachhaltiger Wertschöpfung im Schmucksektor zu diskutieren.
Organisiert wurde die Veranstaltung vom Institute for Industrial Ecology (INEC) unter der Leitung von Prof. Dr. Mario Schmidt und Prof. Dr. Roukaya Issaoui-Domnik. Die Idee entstand im Zusammenhang mit der Sustainability Area der Inova Collection, die künftig wissenschaftliche Erkenntnisse stärker mit den praktischen Herausforderungen der Branche verknüpfen soll.
Nachhaltigkeit soll immer mit Langlebigkeit einhergehen
Bereits zum Auftakt stellte Prof. Dr. Mario Schmidt die Leitfrage des Tages: „Kann Schmuck tatsächlich nachhaltig sein oder lediglich nachhaltiger werden?“ Prof. Dr. Roukaya Issaoui-Domnik warnte zugleich vor einer Entwicklung hin zu einer „Fast Fashion für Schmuck“. Nachhaltigkeit müsse stets auch Langlebigkeit bedeuten. Ihr Fazit: „Langlebigkeit ist nicht teuer, sie ist nur anders kalkuliert.“
Standards für Herkunft, Lieferketten und Einblicke ins Recycling
Einen Überblick über aktuelle regulatorische Entwicklungen gab York Alexander Tetzlaff von der Fachvereinigung Edelmetalle. Neben den Standards des Responsible Jewellery Council verwies er auf europäische Lieferkettensorgfaltspflichten. Nachhaltigkeit sei längst kein freiwilliges Zusatzthema mehr, sondern zunehmend Teil unternehmerischer Verantwortung. Gleichzeitig hob er die Bedeutung Deutschlands als wichtigen Standort für das Edelmetallrecycling hervor.
Jan Spille sprach über transparente Lieferketten und die Herausforderungen von Fairtrade- und Fairmined-Zertifizierungen. Der Goldschmied machte deutlich, dass Fairtrade vor allem soziale Gerechtigkeit adressiere, jedoch nicht automatisch sämtliche ökologischen Fragestellungen löse. Gleichzeitig beobachtet er eine Veränderung der Kundennachfrage: Nicht die Nachfrage nach nachhaltigem Schmuck sei gestiegen, vielmehr hätten sich die Fragen der Verbraucher verändert.
Georg Leicht bringt Emotionen beim Kauf aufs Tapet
Für Diskussionsstoff sorgte auch der Beitrag des Pforzheimer Juweliers Georg Leicht. Er berichtete von seinen langjährigen Erfahrungen mit Nachhaltigkeitsthemen und warnte davor, Nachhaltigkeit im Verkaufsgespräch unreflektiert einzusetzen. Schmuck werde häufig in emotionalen Lebenssituationen gekauft. Seine Aussage „Falsch eingesetzt ist Nachhaltigkeit ein Imagekiller, Störfaktor und nicht hilfreich“ wurde intensiv diskutiert.
Bereitschaft für mehr Nachhaltigkeit steigt
Die Unternehmerin und Stiftungsgründerin Guya Merkle kritisierte in ihrem Vortrag, dass sich häufig dieselben Akteure mit Nachhaltigkeit beschäftigen, während große Teile der Branche der Debatte fernblieben. Ihre Forderung: „Ohne Paradigmenwechsel hat die Branche keine Zukunft.“ Gleichzeitig zeigte sie sich optimistisch, da die Bereitschaft wachse, offen über die Auswirkungen des Rohstoffabbaus in den Herkunftsländern zu sprechen.
Einen kulturwissenschaftlichen Blick auf das Thema eröffnete Prof. Andreas Gut. Er zeigte, dass Schmuck seit Jahrtausenden weit mehr als ein Wertgegenstand ist und gesellschaftliche, emotionale sowie kulturelle Funktionen erfüllt. Dabei verändern sich auch die Wertvorstellungen rund um Schmuck kontinuierlich.
Beispiele aus der Praxis
Aus industrieller Sicht berichtete Dr. Philipp Reisert von C. Hafner über die Nachhaltigkeitsstrategien seines Unternehmens. Besonders eindrücklich fiel der Vergleich zwischen Primär- und Recyclinggold aus: Während die Herstellung eines Kilogramms Recyclinggold rund 30 Kilogramm CO₂ verursacht, entstehen bei primär gefördertem Gold etwa 30 Tonnen CO₂. Gleichzeitig zeigte Reisert auf, dass Nachhaltigkeitsargumente nicht automatisch zu einer höheren Marktnachfrage führen.
Die Perspektive der Farbedelsteine ergänzte Vera Cittadino vom Mercator-Projekt „Glänzende Lücken im Edelsteinsektor zwischen Europa und Lateinamerika“. Sie berichtete per Live-Schaltung aus Rio de Janeiro über die komplexen Strukturen des Kleinbergbaus, aus dem mehr als 80 Prozent der weltweiten Farbedelsteine stammen.
Branche sei auf gutem Weg, aber noch nicht am Ziel
In der abschließenden Podiumsdiskussion herrschte Einigkeit darüber, dass die Branche Fortschritte erzielt hat, jedoch weiterhin vor großen Herausforderungen steht. Besonders die Frage nach einer glaubwürdigen Kommunikation von Nachhaltigkeit sowie die Einbindung weiterer Unternehmen wurden intensiv diskutiert.
Das Symposium machte deutlich, dass Nachhaltigkeit im Schmucksektor längst kein Nischenthema mehr ist. Vor allem zeigte die Veranstaltung, wie wichtig der Dialog zwischen Wissenschaft, Industrie, Handel und Handwerk geworden ist, um tragfähige Lösungen für die Zukunft der Branche zu entwickeln.
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