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Lockdown geht in die Verlängerung: Schwarzer Freitag für die Branche?

Kommentar

Der Bund-Länder-Beschluss, den Teil-Lockdown zu verlängern und weitere Beschränkungen – insbesondere für den Handel – in Kraft zu setzen, stößt auf Kritik. Zu Recht, findet Axel Henselder, Mitglied der GZ-Chefredaktion. 

Eines vorweg: Die Gefahren von Corona sollen hier nicht kleingeredet werden – 60 Millionen Infizierte und 1,5 Millionen Tote weltweit sowie die Übersterblichkeit in vielen Ländern sind Beweis genug. Es geht auch nicht darum, Gesundheit gegen Wirtschaft aufzuwiegen. Soviel ist klar: Es muss angesichts der Pandemieentwicklung der zweiten Welle gehandelt werden. Doch die Beschlüsse der Kanzlerin mit den Länderfürsten sind nicht sakrosankt. Das zeigte auch die gestrige Debatte im Bundestag, bei der sich selbst CDU-Granden wie Fraktionsvorsitzender Ralph Brinkhaus nicht so recht mit der Vorgehensweise anfreunden konnten, am Parlament vorbei weitreichende Beschlüsse – auch für den Bundeshaushalt – zu treffen. Das Unwohlsein über die Corona-Politik nimmt also nicht nur in der Opposition zu. Zumal die Ergebnisse nicht stimmen: Die Infektionszahlen steigen zwar aufgrund des Lockdowns Light nicht mehr, aber sie sinken nicht stark genug, um die Zügel zu lockern. Und es ist nicht absehbar, wann das bis März 2021 überhaupt der Fall sein könnte, wie auch aus Regierungskreisen zu hören ist, unter anderem von Kanzleramtschef Helge Braun. 

Fest steht: Die Verlängerung des Teil-Lockdowns weit in den Dezember hinein mit weiteren Zutrittsbeschränkungen in den Läden befeuert die Amazonisierung des Handels. Bei Jeff Bezos dürften die Champagner-Korken knallen. Für die stationären Händler bedeutet das: Das Licht am Ende des Tunnels flackert immer schwächer. Das Weihnachtsgeschäft wird die Bilanzen des Jahres 2020 nun kaum noch retten können. Tausende Geschäfte in den Innenstädten werden verschwinden, die Verödung der Einkaufsstraßen schreitet fort. 

Was viele Betroffene fassungslos macht, ist, dass Angela Merkel die Maßnahmen als „unausweichlich“ bezeichnet. Da sind wir wieder bei der Alternativlosigkeit der eisernen Kanzlerin. Sie begründet die Entscheidungen mit der Überforderung der Gesundheitsämter. Nun, schaut man sich an, wie die arbeiten, wundert einen das nicht. Stift, Papier, Telefon und Fax sind die Arbeitsmittel der Wahl. Riesige Aktenberge werden wie anno dazumal produziert – von Digitalisierung und Vernetzung keine Spur. Die Pandemie wird mit Werkzeugen des letzten Jahrhunderts bekämpft. Kein Wunder, dass wir dem Krankheitsgeschehen hinterherlaufen. Dabei hatte das Helmholtz Zentrum im Frühjahr eine spezielle Kontaktmanagement-App namens Sormas entwickelt, die die Nachverfolgung vereinfacht und es den Mitarbeitern der Ämter so erlaubt, schnell und effizient die Kontrolle über die Kontakte der Infizierten zu behalten. Nur: Man hat sechs Monate geschlafen und das System nicht flächendeckend installiert. Gesundheitsminister Jens Spahn berichtet stolz im Interview, dass er in Nigeria gesehen habe, wie die Gesundheitsämter dort die App Sormas erfolgreich zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten einsetzen. Exportschlager Made but not used in Germany. Den Schwarzen Peter dafür schieben sich Gesundheitsminister und die Länder gegenseitig zu. Das ist nur ein Beispiel von vielen, um aufzuzeigen, wo es im Kompetenzgerangel zwischen Bund und Ländern hapert und wie inkonsistent die Entscheidungen sind. Gerne wird auf andere Länder mit viel strengeren Lockdowns verwiesen, um zu belegen, wie gut es den Deutschen doch gehe. Aber: Hätte man vielleicht noch besser mit der Krise umgehen können, wenn man nicht den ganzen Sommer verpennt hätte? Die zweite Welle im Herbst war nun wirklich keine Überraschung – weder für die Virologen noch für die Politiker. Was fehlt, ist eine klare und in sich schlüssige Strategie. 

Der Schnäppchenjägertag Black Friday wird jedenfalls als wahrlich rabenschwarzer Freitag in die Geschichte des Einzelhandels eingehen. Den Start ins Weihnachtsgeschäft hat man sich anders vorgestellt. Bleibt zu hoffen, dass es den Juwelieren und Goldschmieden gelingt, dank guter, persönlicher Beziehungen zu ihren Kunden und mit viel Kreativität, Käufer ins Geschäft zu ziehen. 

Bleiben Sie gesund und trotz allem zuversichtlich!

 

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