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Einzelhandel 4.0

Zukunft

Während die Online-Umsätze weiter steigen, verliert der stationäre Einzelhandel immer mehr an Bedeutung. Doch das muss nicht sein, wie die GZ-Redaktion mit der Gegenüberstellung von alten Wahrheiten und neuen Ideen beweist. Das veränderte Konsumverhalten bietet durchaus Chancen für das Fachgeschäft.

1. These
Gegen E-Commerce und die damit einhergehende Markttransparenz haben wir kleinen Fachgeschäfte keine Chance. Alles geht nur über den Preis
und die Bequemlichkeit.

Antwort: Eigentlich geht es nur darum zu erkennen, wie Verbraucher heute ticken, und dann sein Geschäft darauf auszurichten. Faktoren sind das Wachstum beim mobilen Shoppen, die E-Commerce-freundlichen sozialen Medien und die flexible Möglichkeit für Konsumenten, zu jeder Tages- und Nachtzeit einkaufen zu können, sowie die Freiheit der Zahlungsweise. Für all diese Entwicklungen gibt es Lösungen für das stationäre Geschäft, um weiter wettbewerbsfähig zu bleiben – ohne mit den notwendigen Investitionen Kopf und Kragen zu riskieren. 

2. These
Bei der Zahlung gilt: Nur Bares ist Wahres, Kreditkarten werden zur Not auch akzeptiert.

Antwort:  Digitale Geldbörsen sind auf dem Vormarsch. Eine Visa-Studie zeigt, dass deutsche Verbraucher in den nächsten fünf Jahren viel häufiger mobil per Handy bezahlen werden. Voraussetzung dafür ist lediglich ein Terminal, welches das kontaktlose Bezahlen per Handy erlaubt. Wer Visa-Karten akzeptiert, muss ohnehin bis 2020 ein Smartphone-taugliches Kassensystem einrichten. NFC ist dabei der Übertragungsstandard. Also: Warum soll der Schmuck- und Uhreneinkauf junger, vernetzter Kunden ausgerechnet am Bezahlen scheitern?

3. These
Wenn ich E-Commerce betreibe,
dann ausschließlich über meine eigene Webseite.

Antwort:  Warum nicht mit Drittanbietern, zum Beispiel von Einkaufs-Apps, zusammenarbeiten und so seine Reichweite erhöhen? Es gibt zahlreiche Mode-, Accessoire- und Storefinder-Apps mit denen man vor allem auch ein jüngeres Zielpublikum erreicht. In den USA ist man bei diesem Thema schon weiter, wie die Apps Crown & Caliber, Govberg Jewelers, Opulent Jewelers und Watches 247 belegen. In Deutschland gibt es zum Beispiel Stylebop, Shopstyle, Mybestbrands, Etsy et cetera. Und: Das Investment ist überschaubar, die Dienstleister übernehmen zumeist die Fotografie und den Versand der Ware.

4. These
Die Wearables und die Smartwatches kann man getrost ignorieren, denn sie werden eh über den Elektronikfachhandel verkauft.

Antwort:  Jeder zehnte Deutsche nutzt schon Fitnesstracker, jeder zwölfte besitzt eine Smartwatch – Tendenz steigend. Warum soll man sich als der Fachmann für Uhren und Schmuck dem neuen Trend verschließen, berührt er doch die ureigenen Kernkompetenzen? Schließlich setzen auch die bekannten Hersteller wie Tag Heuer, Casio, Fossil, Michel Herbelin oder Frédérique Constant auf die neue Technik. Und: Samsung stellte in diesem Jahr erstmals in Basel aus und suchte hier den Kontakt zum Fachhandel.

5. These
Displays und Einrichtung sind statisch, es geht vor allem darum, eine edle, seriöse Atmosphäre zu schaffen, wo Kunden sich wohlfühlen.

Antwort:  Die Geolocation-Technologie erlaubt es, das Kundenverhalten genau zu analysieren, das Geschäft darauf immer wieder neu auszurichten und mit den Kunden auch zu interagieren. Wer kennt das nicht vom www-Surfen? Man sucht ein Produkt und bekommt dazu weitere Empfehlungen und Verweise. Mit der Geolocation-Technik wie mit Apples iBeacon lässt sich das auch im Präsenzgeschäft realisieren. Ein Kunde bleibt vor einem Display mit Ohrringen stehen und bekommt auf sein Smartphone eine Nachricht mit einem besonderen Angebot oder eine Übersicht der Ohrringe, die auf Lager sind. Die kleinen, dazu notwendigen Bluetooth-Sender, die im Display oder der Vitrine versteckt werden, kosten nicht viel.

6. These
Man hält Kunden, vor allem
Kinder, auf Abstand zur Ware, sie sollen möglichst nichts anfassen.

Antwort:  Die Millennials, die derzeit wichtigste Zielgruppe des Fachhandels mit hohem Konsumpotenzial, sind es gewohnt, sich im Geschäft ungezwungen umzuschauen und frei bewegen zu dürfen. Die steife Frontenstellung mit Beratungstheke als Barriere zwischen ihnen, den begehrten Produkten und dem Verkäufer schreckt sie eher ab. Klar, die Ware ist zu wertvoll, um sie frei auszulegen. Aber Touchscreens beispielsweise erlauben es den Kunden, sich über die ausgestellten Stücke erst einmal ohne Beratung zu informieren. Und: Oft sind bei der Zielgruppe auch die Kinder mit auf Shoppingtour. Da ist es eine aufmerksame Geste, diesen einen Tablet-Computer zum Spielen anzubieten oder sie anderweitig zu bespaßen. 

7. These
In einem seriösen Juweliergeschäft ist äußerste Diskretion wichtig. So zeichnet man die Ware nicht mit Preisen aus, die Kunden erfahren sie im Beratungsgespräch.

Antwort:  Millennials sind die totale Preis-transparenz gewohnt. Für sie wirkt es, als ob der Juwelier etwas zu verbergen hat, wenn die Preisetiketten diskret unter dem Schmuckstück versteckt oder unleserlich klein sind. Das suggeriert eher: Das wird hier richtig teuer, ist vielleicht sogar überteuert. Besser ist, man nennt Ross und Reiter. Übrigens: Auch hier gibt es einen neuen Trend: die digitale Preisauszeichnung per Display. So kann man die Preise an aktuelle Goldkurse, Diamant- und Farbsteineinkaufskonditionen dynamisch jederzeit anpassen.

Text: Axel Henselder

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