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Illustration: Timo Müller

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Düstere Aussichten?

Branchenkonjunktur

Immer mehr Branchenteilnehmer geben auf und wickeln ihren Betrieb ab. Handelt es sich um Einzelfälle oder droht eine existenzielle Krise?

Ende Juni meldete sich der Schließenspezialist J. Köhle aus Pforzheim bei der GZ-Redaktion. Aufgrund der anhaltend schlechten Geschäftslage will die 147 Jahre alte Traditionsfirma zum Ende des Jahres den Betrieb für immer einstellen. Fordert die Perlschmuckkrise nach dem Ende von Schoeffel im März ein weiteres Opfer oder steckt noch mehr dahinter?

„Es fällt uns wirklich schwer“, sagt Karina Ratzlaff , geborene Köhle, Eigentümerin und Geschäftsführerin des Pforzheimer Traditionsbetriebs, gegenüber der GZ. „Aber die wirtschaftliche Situation zwingt uns dazu. Die Umsätze vor allem in Deutschland, aber auch in Europa, haben sich in den letzten 18 Monaten immer weiter verschlechtert. Das relativ gute Überseegeschäft kann die Verluste nicht ausgleichen.“

Zu schaffen macht dem Unternehmen neben der rückläufigen Perlschmucknachfrage das Ende des Großabnehmers Schoeffel. Hinzu kommen die Billigkonkurrenz aus Fernost und der anhaltend hohe Goldpreis. Man habe versucht, einen Investor zu finden, der das Unternehmen fortführt, bislang jedoch ohne Erfolg. „Dabei scheinen wir eine echte Lücke zu hinterlassen“, sagt Norbert Ratzlaff , ebenfalls Geschäftsführer von J. Köhle. „Kurz nach Bekanntgabe, dass wir aufgeben wollen, überrollte uns eine Welle von Bestellungen. Leider produzieren wir nur noch bis Ende August, danach wird das Lager aufgelöst. Viele Kunden erkundigen sich nach Alternativen.“

Qualität ist nach wie vor gefragt

David Aminoff von der gleichnamigen Londoner Perlschmuckfirma sieht einen Bedarf: „Köhle war der einzige Anbieter in Europa, der in der Lage war, einen qualitativ hochwertigen Verschluss für unsere Akoya-Stränge zu produzieren. Ich hoffe, dass jemand die Maschinen übernimmt und das Angebot weiterführt. Es gibt in Europa einen Markt für einfache, qualitativ hochwertige Verschlüsse.“

Kaum war die Meldung über J. Köhle in der Branche verbreitet, folgte die nächste Hiobsbotschaft: Laut Wirtschaftsinformationsdienst North Data befindet sich die erst 2012 an den Start gegangene TT Trendtime seit Mitte Juni in der Liquidation. Das Kölner Unternehmen war jahrelang mit dem Vertrieb von Lifestyle-Uhren und Schmucklabels erfolgreich, unter anderem mit der belgischen Marke Ice-Watch. Im vergangenen Jahr jedoch verzeichnete TT Trendtime einen Verlust von gut 212.000 Euro, zuvor lag der Gewinn bei null. Das letzte fette Jahr war für TT Trendtime 2015, seitdem ging es bergab. Der Liquidator ist Inhaber und Geschäftsführer Volker Busse, der sich bis Redaktionsschluss zu dem Vorgang nicht äußerte. Brancheninsider berichten von hausgemachten Problemen. Ice-Watch wurde zuletzt über das Internet verschleudert und kämpfte massiv mit Nachahmerprodukten.

Laut Gerüchten soll TT Trendtime die Vertriebslizenz für die Plastikuhren verloren haben. Die gleichfalls vertretene Marke Ti Sento sei mit Einstiegspaketen von 5.000 Euro nicht mehr zeitgemäß, kein Juwelier wolle derzeit so viel Kapital binden.

Die Pforzheimer Uhrenfabrikation Hummel Germany gab ebenfalls jüngst die Liquidation des Geschäftsbetriebs bekannt. Und: Es gibt Hinweise auf weitere Kandidaten, die mangels Geschäftsgrundlage und Nachfolge bald aufgeben wollen.

Experten fürchten Domino-Effekt

Sind das Vorboten einer Branchenrezession? „Die Krise spitzt sich momentan zu, die Einschläge kommen näher“, bestätigt Matthias Wolf, Geschäftsführer des Creditoren Vereins CV Pforzheim. „Wir befürchten einen Domino-Effekt, wenn große Marktteilnehmer aufgeben müssen. Seit Oktober 2017 registrieren wir eine Abwärtstendenz in der Branche, die sich nun beschleunigt.“ Tatsächlich leiden immer mehr Juweliere unter ernsten Liquiditätsengpässen.

Die Umsätze sind selbst in 1A-Lagen schlecht. Laut dem Handelsverband Deutschland HDE sank 2018 die Geschäftslage in den Innenstädten auf ein Zehnjahrestief. 75 Prozent der befragten Geschäfte in den Bestlagen berichten von sinkenden Frequenzen. Das ging im ersten Halbjahr so weiter und spitzte sich zuletzt in den Sommermonaten noch zu.

Der Handel wird gleich von zwei Seiten in die Zange genommen: Steigende Ladenmieten in den Städten stehen schrumpfenden Frequenzen gegenüber. Das bekommt letztlich auch die Industrie zu spüren. Insgesamt verdüstert sich die Wirtschaftslage in Deutschland. Die fetten Jahre scheinen vorbei. Vieles spricht dafür, dass die derzeitige Schwächephase der Industrie über das übliche konjunkturelle Auf und Ab hinausgeht.

Das macht sich auch in der Verbraucherstimmung bemerkbar, wie das Konsumbarometer der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) zeigt. Demnach ist die Kauflaune der Bundesbürger im Juni den zweiten Monat in Folge gesunken und befindet sich auf dem tiefsten Stand seit April 2017.

Doch auch wenn das Wachstum nachlässt – noch dampft die Konjunkturlokomotive Deutschland. Die Arbeitslosigkeit soll trotz der Stellenstreichungen aufgrund des demografischen Wandels auch 2020 weiter sinken, die Beschäftigung auf Rekordniveau verharren. Es bleibt zu hoffen, dass dies zu einer Stabilisierung der Branchenkonjunktur im kommenden Jahr führt.

Lesen Sie das Interview zur aktuellen Branchenkonjunktur mit Joachim Dünkelmann in (Geschäftsführer des Bundesverbandes der Juweliere) in August-Ausgabe der GZ Goldschmiede Zeitung.

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