Das Magazin für Schmuck und Uhren

Design

Ergebnis: Die Ursprungsformen und -funktionen der Schrauben, Korken und Co. sind in Karin Heimbergs zweidimensionalem transparenten Schmuckstück kaum noch auszumachen

| Design

Peter Berens School of Art

Der Prozess ist das Ziel

An der Peter Berens School of Arts/PBSA, der Düsseldorfer Hochschule für Gestaltung, fördert ein interdisziplinärer Workshop den kreativen Umgang mit modernen Technologien.

Wenn aus den Geräuschen einer zerschellenden Vase neue Objekte entstehen oder aus den Daten dreidimensional erzeugter Fraktalformen Lampen gedruckt werden, dann findet an der Hochschule Düsseldorf gerade der Workshop „Performatives Prototyping“ statt. Christina Karababa, Dozentin und Entwicklerin der innovativen Formfindungsmethode, ermutigt die Studierenden dazu, sich unbefangen mit neuen Technologien auseinanderzusetzen: „Mir geht es nicht darum, Werkzeuge perfekt bedienen zu können, sondern sie experimentell einzusetzen, neue Wege zu erforschen und Herstellungsprozesse sichtbar zu machen“, beschreibt die gelernte Goldschmiedin ihr Konzept.

„Beim ,Performativen Prototyping‘ handelt es sich um eine Methode des Formfindungsprozesses, der generative Fertigungsverfahren mit performativen Praktiken der Kunst verbindet“, heißt es auf der Website der Hochschule. Will heißen: Eine Handlung – beispielsweise das Zerschellen einer Vase am Boden – bildet die Grundlage für die Erstellung von CAD-Daten, in dem Beispiel mithilfe eines Vektorgrafik-Programms, das Soundsteuerung unterstützt. Materialisiert werden diese Daten anschließend durch diverse Herstellungsmethoden des Rapid Prototyping. Dies wiederum kann mithilfe eines 3-D-Druckers, eines Lasers oder anderer formgebender Maschinen und Werkzeuge passieren.

Christina Karababas Kurs will eine Schnittstelle von Performance, Body Art und Objekt sein. Deshalb richtet er sich auch ausdrücklich an Studierende aller Studienrichtungen und jeden Alters. „Fachliche Grenzüberschreitungen sind bei der Formfindung ganz wichtig. Gerade die unterschiedlichen Sicht- und Herangehensweisen von Kommunikations- oder Schmuckdesignern, Architekten oder Fotografen, die Beschäftigung mit den Themen anderer Fachbereiche und die gegenseitige Unterstützung macht die Fruchtbarkeit und den Reiz des Workshops aus“, hat sie beobachtet. Und: „Viele Studierende erkennen während dieses Semesters ihr Interesse an der prozesshaften Formgebung, vertiefen es und verfeinern ihre Arbeitsweise im weiteren Verlauf ihres Studiums.“

Ergebnis: Neu angeordnet, gescannt, gedruckt und von ihrer Banalität befreit, bilden die ursprünglichen Objekte eine völlig neue Gesamtform (l.). Basis: Elf höchst unscheinbare Gegenstände dienten Karin Heimberg als Ursprung für ihre Beschäftigung mit dem Thema Original, Kopie, Reproduktion (r.)

KARIN HEIMBERG
Für ihre Bachelor-Arbeit hat sich Karin Heimberg mit den Themen Original, Kopie und Reproduktion auseinandergesetzt. Dabei ist das Verhältnis zwischen den drei Elementen aus ihrer Sicht durchaus zwiespältig. „Das Original scheint erhaben und vollkommen zu sein. Die Kopie dagegen ist geradezu verpönt. Mit der Kopie zu arbeiten und sie gar als Gestaltungsmittel zu nutzen oder sich darüber Originale anzueignen, wird von dem schlechten Ruf der Kopie zunichtegemacht“, erläutert sie ihre Überlegungen. „Dabei kann die Kopie generell nicht losgelöst vom Original betrachtet werden. Die Reproduktion dagegen kann, als immer gleichbleibendes Objekt, ganz für sich alleine stehen.“ Bei „Aequalis Superior“, einem Teil ihrer Bachelor-Arbeit, bilden auf den ersten Blick völlig unscheinbare, alltägliche Gegenstände wie Schrauben, ein Saugnapf, ein Keksbackförmchen oder ein Flaschenverschluss die „erhabenen“ Originale. „Durch neue Kombinationen dieser an sich banalen Gegenstände und die technischen Arbeitsprozesse, die sie mithilfe verschiedener Technologien und Techniken realisiert hat, ist etwas völlig Neues geschaffen worden“, bescheinigt Dozentin Christina Karababa. Die neuen Arrangements hat Karin Heimberg gescannt und dreidimensional gedruckt, sie hat die Formen für Gusstechniken verwendet, sie als Silhouette gelasert, mit Materialien experimentiert und mit dem Gegensatz von Zwei- und Dreidimensionalität gespielt – kurz: Sie hat all das im Workshop Gelernte für ihre Zwecke angewendet. „Die Arbeit zeigt, wie unglaublich vielfältig die Variationen eines Originals sein können – sogar, wenn dieses aus den denkbar einfachsten Formen besteht“, fasst die Dozentin zusammen.

Ergebnis: Anhand der digitalen Collage wurde das neue Schmuckstück aus Epoxydharz und Holz mit einer CNC-Fräse herausgearbeitet (l.). Basis: Ausgediente Schmuckelemente wurden von der MA-Studentin Maren Düsel neu arrangiert (r.)

MAREN DÜSEL
Maren Düsel hat im Vorfeld ihrer neu entwickelten Schmuckformen zunächst eine Collage aus eher unscheinbaren, wenig wertvollen Gegenständen zusammengestellt. Ausgediente, nur in Teilen vorhandene oder defekte Schmuckstücke wurden von ihr neu arrangiert und in eine rechteckige Form gebracht. „Maren Düsel hat mit ihrer von Prof. Elisabeth Holder betreuten Masterarbeit den Fokus auf den Mix verschiedener Materialien und die Kombination unterschiedlicher Techniken gelegt“, sagt Christina Karababa. Und richtig: Mit offensichtlich großer Experimentierfreude hat die Studentin die neue Collage mit dem Nadelscanner digitalisiert, in 3-D-Technik gedruckt, sie aus pigmentiertem Epoxydharz oder Amaranth-Holz herausgefräst, die Oberflächen unterschiedlich bearbeitet, flache und reliefartige Elemente miteinander kombiniert und zahlreiche andere Technikexperimente durchgeführt. Entstanden ist eine Serie aus sicherlich kommunikationsfördernden, durchaus tragbaren Colliers, denen ein gewisses Augenzwinkern nicht abzusprechen ist. Denn der Ursprung der innovativen Schmuckstücke – alter, wertloser Modeschmuck – ist bei sehr genauem Hinsehen noch zu erahnen.

Basis: Der zweidimensionale Scan eines Silberrings, den Bianca Gony während des Belichtungsvorgangs bewegte (l.). Ergebnis: Aus dem flachen Ring-Bild wurde mithilfe von Rapid-Prototyping-Technik ein dreidimensionales Schmuckobjekt (r.)

BIANCA GONY
Ein Flachbettscanner und ein einfacher Silberring bildeten die Ausgangsmaterialien, die die Kommunikationsdesignstudentin Bianca Gony für ihre Projektarbeit in dem Kurs „Performatives Prototyping“ verwendete. Zu neuen Formen gelangte sie, indem sie den Ring während des Scan-Vorgangs bewegte. Je nach Bewegungsgeschwindigkeit ähnelt das Abbild dann mehr oder weniger einem Ring. Mal scheinen sich mehrere Einzelringe nahtlos aneinanderzureihen, mal zeigen sich nur die Außenseiten in Form gedehnter Silhouetten. Mit den so entstandenen Formen programmierte Bianca Gorny einen 3-D-Drucker – so wurde aus dem zweidimensionalen Scan mittels SLS-Druckverfahrens und 3-D-Fräse ein raumgreifendes Objekt aus Polyamid beziehungsweise Aluminium. Das neue Ringobjekt lässt sich wie der Ursprungsring zunächst auf den Finger aufstecken, reckt sich dann jedoch wie ein Zerrbild in die Höhe. Ein interessanter Ansatz, der nicht unbedingt tragbar ist, jedoch zum weiteren Experimentieren und Formfinden anregt.

Ergebnis: Fünf Armreifvarianten mit unterschiedlicher Haptik. Während Pinselhaare, Textilfäden und Pelz angenehm zu tragen sind, erweisen sich Metallelemente als etwas störend (l.). Basis: Ein grauer Polyamidreif aus dem 3-D-Drucker bildete den Ausgangspunkt von Franziska Behlers Schmuckexperiment (r.)

FRANZISKA BEHLER
Die Arbeit von Franziska Behler kann man als ein haptisches Projekt bezeichnen. Bei den von ihr gestalteten Schmuckstücken ging es darum, wie ein Armreif von der Innenseite her gestaltet sein muss, um beim Tragen unterschiedliche Gefühle auszulösen. Dabei verwendete die Designstudentin nicht nur so unterschiedliche Materialien wie Fäden, Pinselhaar, Pelz, Stahl und Polyamid, sondern auch ganz verschiedene Herstellungsverfahren: Den Ausgangspunkt jeder Armreifvariante bildete jeweils ein immer gleicher, aus grauem Polyamid im 3-D-Drucker hergestellter Reif, der anschließend handwerklich bearbeitet wurde. Mal mit kuscheligem Pelz oder anderen Naturfasern ausgekleidet, mal mit stählernen Elementen versehen, ergab sich aus jeder Variante ein mehr oder weniger komfortabel zu tragendes Schmuckstück.


DIE DOZENTIN
Seit 2008 ist die gebürtige Griechin Christina Karababa (45) als Lehrbeauftragte und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Düsseldorfer Hochschule für Design (Peter Berens School of Arts/PBSA) im Bereich Schmuckdesign tätig. Den experimentell ausgerichteten Workshop „Performatives Prototyping“, bei dem ein Semester lang interdisziplinäres Denken und Handeln im Mittelpunkt steht, bietet sie seit 2010 an. Studierende aller Semester und Fachrichtungen (Produktdesign, Video, Foto, Architektur, Kommunikationsdesign etc.) können daran teilnehmen. Den Umgang mit dieser neuen Methode der Formfindung vermittelt Christina Karababa übrigens auch in anderen Teilen der Welt, beispielsweise an der Xijing University, der Hubei University of Technology und der Yuxi Normal University – alle drei in China – sowie an der Academy of Fine Arts and Design Slovakia. Derzeit absolviert die Goldschmiedin und Schmuckgestalterin, die ursprünglich zum Kunststudium nach Deutschland kam, ihren Promotionsstudiengang an der Bauhaus-Universität Weimar. Das Thema ihrer Doktorarbeit lautet: „Zwischen Pixel und Voxel. Untersuchungen über Interferenzen zwischen Technobildern und dem Technoobjekt des Rapid Manufacturing“.

Zurück

| Design

WSB Ladenbau: „Nutzen Sie die ruhige Zeit zum Neustart!“

WSB Ladenbau

Der niederländische Ladenbauspezialist rät, die Zeit während der Corona-Krise zu nutzen, sein Geschäft fit für die Zeit danach zu machen.

Mehr >>

| Design

Logo wird Schmuck

GZ-Kreativ-Award 2019

Mit dem Magazin-Relaunch hat im Februar hat die Goldschmiede Zeitung als Symbol der Erneuerung auch ein neues Logo bekommen. Dieses wird nun im Rahmen des GZ-Kreativ-Award 2019 zum echten Schmuckstück.

Mehr >>

| Design

Fair trade statt Fast Fashion

Nachhaltigkeit

Sie sind Paradebeispiele einer neuen Generation: sozial engagiert, umweltbewusst und modeaffin. Drei junge Frauen haben das Ziel, mit Schmuck die Welt ein bisschen schönerund besserzu machen.

Mehr >>

| Design

Kreativität trifft Schmuck

Art & Design

Fünf Frauen, alle in kreativen Berufen tätig, hatte die GZ zum Fotoshooting mit Designerschmuck eingeladen. Ihre Aufgabe: Lieblingsschmuck auswählen und die persönliche Schmuckwahl begründen. Das Ergebnis sorgte nicht nur für viele individuelle Überraschungen, sondern auch für ganz neue stilistische Erkenntnisse.

Mehr >>

| Design

Fokus Bernstein

Design News

„Periphery“ lautet das Thema des diesjährigen Amberif Design Award (ADA), den die polnische Messe Amberif bereits zum 20. Mal international ausschreibt.

Mehr >>

| Design

„Die Ästhetik der Natur unterstreichen“

Annsus

Annsus stellt dieses Jahr zum zweiten Mal auf der Inhorgenta aus. In Halle C2 präsentiert Inhaberin Annesuse Raquet Schmuckstücke und Objekte. Deren „Hauptdarsteller“ sind Naturprodukte, die vor Millionen von Jahren entstanden.

Mehr >>