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Brennpunkt

Eine Währung im Höhenrausch: Was der Schweizer Wirtschaft insgesamt schadet, konnte der Uhrenindustrie bislang nicht viel anhaben – von Ausnahmen abgesehen

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Franken-Freigabe

Der Franken-Schock und das Aufatmen danach

Die Schweizer Uhrenindustrie hat das erste Halbjahr nach der Franken-Freigabe ohne allzu grosse Blessuren überstanden – gegen den Trend anderer Branchen im Land, die auf Talfahrt gingen. Und ohne dabei die deutschen Juweliere zu verärgern. Doch es gab auch Verlierer.

Es knirscht derzeit gewaltig im Getriebe der Schweizer Wirtschaft. Ein Minus von 3,7 Prozent verbuchte die Eidgenössische Zollverwaltung bei den Ausfuhren im zweiten Quartal dieses Jahres. Auch die Wachstumsprognosen für 2015 mussten jüngst nach unten korrigiert werden. Die Schweizer Nationalbank (SNB) halbierte sie von zwei auf knapp ein Prozent. Noch pessimistischer sind die Konjunkturforscher der Technischen Hochschule Zürich. Sie rechnen nur mit 0,4 Prozent und sprechen sogar von einer vorübergehenden Rezession. Zusätzlich verschlechterte sich die Konsumlaune, seit Wochen melden viele Unternehmen immer wieder Entlassungen und die Nationalbank machte im ersten Halbjahr 50 Milliarden Franken Verlust. Ein Jahr zuvor hatte sie noch einen Rekordgewinn von 38,3 Milliarden Franken eingefahren.

Der Grund für die miserablen Zahlen ist der „Franken-Schock“, der sich nun, ein halbes Jahr nach dem Erdbeben, in seiner Wirkung voll zu entfalten scheint. Am 15. Januar hatte die SNB beschlossen, die Kopplung der Landeswährung an den schwächelnden Euro mit sofortiger Wirkung aufzugeben. Der Franken wertete schlagartig auf, zeitweise um 20 Prozent. Die Aktienmärkte reagierten panisch. Auch die Uhrenindustrie machte sich mit Blick auf die plötzliche Verteuerung ihrer Produkte Sorgen. Und unter den Juwelieren auf deutscher wie auf Schweizer Seite verbreitete sich die Angst, dass die schnell erfolgten, teilweise deutlichen Preiserhöhungen zahlreicher Uhrenmarken ihre Kunden verschrecken würden.

Trotz der Freigabe des Franken will die SNB nach eigenen Angaben weiter intervenieren, um der Stärke der Währung entgegenzuwirken. Beobachtern zufolge tut sie es bereits, etwa durch Eingriffe am Devisenmarkt. Aber die Mittel dafür dürften bald erschöpft sein, wie viele Analysten sagen. Denn die SNB könne ihre Fremddevisenbestände nicht unendlich ausdehnen. Mit Parität zwischen Franken und Euro müsse schon bis zum Jahresende gerechnet werden, ist aus mehreren Bankhäusern zu hören. Der Schweizerische Arbeitgeberverband prophezeit schon bei einem Franken-Euro-Kurs von 1:1,05 einen Verlust von 30 000 Jobs.

Anhaltender Höhenflug: Seit der schlagartigen Aufwertung des Franken gegenüber dem Euro im Januar hat der Wechselkurs nur leicht nachgegeben. Experten rechnen mittelfristig mit einem Paritätsverhältnis. Quelle: SNB

UHRENINDUSTRIE TROTZT BÖSEN BEFÜRCHTUNGEN

Haben sich die bösen Befürchtungen auch für die Schweizer Uhrenindustrie bewahrheitet? Bisher nicht, wie die Exportzahlen für das erste halbe Jahr bezeugen. Nach Angaben des Verbands der Schweizerischen Uhrenindustrie (FH) lagen sie bei 10,6 Milliarden Franken – und damit immerhin 0,4 Prozent über dem Vorjahresergebnis.

„Sie blieben trotz eines schwierigen wirtschaftlichen Umfelds hoch“, sagt FH-Präsident Jean-Daniel Pasche. Neben vielen Unternehmen, die sich nahe dem Durchschnitt halten konnten, habe es aber auch negative Entwicklungen gegeben. „Vor allem gewisse Zulieferer haben in Verbindung mit einer sehr geringen Sichtbarkeit mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Auch Hersteller von Fertiguhren sind betroffen“, resümiert Pasche. Er glaube schon, dass die Hersteller ohne die Franken-Freigabe höhere Umsätze erzielt hätten. Die Schweizer Uhrenindustrie macht knapp ein Drittel ihrer Umsätze in Europa.

Die stabile Entwicklung der Branche scheint für den wegen seiner Franken-Entscheidung stark unter Druck stehenden SNB-Präsidenten Thomas Jordan ein Lichtblick zu sein. Während der Generalversammlung der FH bezeichnete er sie kürzlich als „Paradebeispiel für die Anpassungsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft“. Doch auch unter den Uhren-Managern dürfte er nicht nur Freunde haben. Branchen-König Swatch verbuchte aufgrund der Währungssituation im ersten Halbjahr einen um 8,3 Prozent geringeren Betriebsgewinn gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Und der Konzern DKSH will sich von Maurice Lacroix und Glycine trennen – unter Verweis auch auf den starken Franken, der zu deutlichen Verlusten im ersten Halbjahr beigetragen habe.

Einbruch: Der starke Franken macht den Schweizer Exporteuren zu schaffen. Im zweiten Quartal verbuchten sie ein Minus von 3,7 Prozent. Konjunkturforscher sprechen sogar von einer kurzen Rezession. Quelle: Eidgenössische Zollverwaltung

KUNDEN HABEN SICH MIT DEN PREISEN ARRANGIERT

Regelrecht gelöst wirken dagegen die Juweliere und Uhrenhändler – jedenfalls auf deutscher Seite. Und das, obwohl viele Marken an der Preisspirale gedreht haben. Einige gleich zweimal innerhalb von sechs Monaten, wie etwa Audemars Piguet und Blancpain. Selbst die deutsche Nobelmanufaktur A. Lange & Söhne sah sich veranlasst, Preise zu erhöhen.

„Die Preissensitivität der Kunden ist nicht so stark ausgefallen, wie alle erwartet haben“, so Joachim Dünkelmann, Geschäftsführer des Bundesverbands der Juweliere, Schmuck- und Uhrenfachgeschäfte (BVJ). Die Nachfrage-Delle, mit der man nach den kurzfristig stark angezogenen Verkäufen im Zuge der SNB-Entscheidung gerechnet habe, sei ausgeblieben. Vielleicht deshalb, sagt Dünkelmann, weil die Hersteller bei den Preiskorrekturen „mit Augenmass“ vorgegangen seien.

„Das Jahr verläuft bislang erstaunlich gut“, sagt Georg Leicht, Geschäftsführer von Juwelier Leicht in Pforzheim, der auch Läden in Berlin und München betreibt. „Der starke Franken betrifft uns denkbar wenig“, sagt er. „Das hätte ich mir anders vorgestellt.“ Lediglich die Liefersituation sei ein wenig angespannt. Aber das führe noch eher dazu, dass sich die Kunden mit den Preisen arrangierten.

Sogar von einer „fantastischen Entwicklung“ spricht Wilhelm Rüschenbeck, Juwelier aus Dortmund. Nach dem Weihnachtsgeschäft sei das Angebot relativ niedrig gewesen, die Lager abverkauft. Dann habe die Franken-Freigabe einen Kauf-Boom ausgelöst, weil niemand wusste, wie stark die Preiserhöhungen mittelfristig ausfallen würden. „Das hat die Angebote zusätzlich verknappt“, sagt Rüschenbeck. Gerade im Luxussegment könnten steigende Preise durchaus als positiv angesehen werden. „Da achten die Kunden schon auf eine gewisse Wertstabilität.“

Stabile Umsätze: Im ersten Halbjahr 2015 stiegen die Exporte der Schweizer Uhrenindustrie leicht um 0,4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Der Einbruch im Mai ist auf die geringere Anzahl an Arbeitstagen zurückzuführen. Quelle: Verband der Schweizerischen Uhrenindustrie

Doch es gibt auch kritische Stimmen. Insgesamt sei die Konsumneigung zwar hoch, vor allem im hochwertigen Bereich und bei den etablierten Marken, doch im mittleren Feld gebe es Probleme, weil die Kunden nicht immer mitkämen, sagt Olrik Laufer, Juwelier aus Minden. „Auch wir haben Zuwächse verzeichnet“, sagt er. „Aber was ist, wenn sich das Klima ändert?“ Man dürfe die Gefahr einer „Uhrenblase“ nicht ausser Acht lassen. Sein Pforzheimer Kollege Georg Leicht bewertet die Lage ähnlich: „Das Ende der Fahnenstange sollte jetzt erreicht sein“, sagt er.

Einige Hersteller sehen das aber offenbar anders. Chopard etwa, so wird berichtet, werde zum 1. Oktober erneut die Preise erhöhen, und zwar zwischen drei und fünf Prozent über die gesamte Kollektion hinweg. Die Währungssituation sei in der Mitteilung an die Vertragspartner explizit als Grund angeführt worden. „Ich bin fest davon überzeugt, dass wir eine neue Welle von Preiserhöhungen noch in diesem Jahr sehen werden“, sagt Rüschenbeck.

Ganz ohne Preiserhöhungen ausgekommen ist bisher die Schweizer Uhrenmarke Parmigiani Fleurier, zu der auch eigene Zulieferer gehören. „Wir hatten das beste erste Halbjahr unseres Bestehens“, freut sich Deutschland-Chefin Irene Ramme-Dörrenberg. Der starke Franken habe keinerlei Auswirkungen auf das Geschäft gehabt.

Auf und Ab: Die Aktie von Swatch brach nach der Franken-Freigabe ein. Sie erholte sich etwas, jedoch verbuchte der Konzern aufgrund der Währungssituation im ersten Halbjahr einen um 8,3 Prozent geringeren Betriebsgewinn. Quelle: Swatch AG

JUWELIERE IN DER SCHWEIZ VERBUCHEN VERLUSTE

Ganz anders ist die Stimmung bei vielen Juwelierskollegen in der Schweiz. Vor allem in Grenznähe zu Deutschland, in Basel, Schaffhausen und auch in Zürich, haben viele Juweliere schwer gelitten, wie zu hören ist. Insbesondere in den ersten zwei Monaten nach dem 15. Januar, als die Preisunterschiede bei Schmuck und Uhren noch bis zu 30 Prozent betrugen, sollen viele Schweizer Kunden nach Deutschland abgewandert sein.

„Das trifft hier alle Geschäfte“, sagt Patrik-Philipp Huber, Uhrmacher aus Basel. „Bis Juni lief es sehr schlecht.“ Es kämen auch viel weniger Kunden aus dem europäischen Ausland, und das werde wohl auch anhalten. „Allerdings haben wir eine grosse Zunahme von Touristen aus dem asiatischen Raum“, sagt Huber. Das kompensiere einiges. Die Preisunterschiede würden sich zudem noch weiter nivellieren, sobald die Lager abverkauft seien. Immerhin seien die Preise für den Schweizer Markt gefallen, nicht nur von inländischen Marken, sondern auch von deutschen. Die Schweizer Vertretung von Junghans etwa habe die Franken-Preise gesenkt, Citizen und Casio hätten ebenfalls reagiert.

Auch grosse Schweizer Filialisten wie Bucherer und Gübelin hatten Probleme. „Bei Gübelin haben wir zum Jahresstart unter dem starken Franken gelitten, was sich nicht im Absatz auswirkte, jedoch in der Handelsmarge“, sagt Raphael Gübelin, CEO der Gübelin Group aus Luzern. Durch die Preisanpassungen der letzten Monate habe sich die Situation aber kontinuierlich verbessert. Ähnlich bewertet Jörg Baumann, Marketing-Direktor der Bucherer AG, die Lage. Die grossen Schwierigkeiten zu Jahresbeginn seien durch verschiedene Massnahmen abgefedert worden. Seitens der Marken hätten vor allem die Preisanpassungen positiv gewirkt.

Des Schweizers Leid ist des deutschen Juweliers Freud, könnte man resümieren. Jedenfalls scheinen einige süddeutsche Händler von den Problemen der eidgenössischen Kollegen profitiert zu haben. Bernhard Sieber, Geschäftsführer von Juwelier Herbert Mayer in Augsburg, hält die relative Nähe zur Schweiz für vorteilhaft. Viele Touristen würden von dort wegen des schwachen Euros nach Deutschland kommen. „Auch wir haben trotz deutlich angezogener Euro-Preise keine Kaufzurückhaltung gespürt“, sagt er. Noch näher dran ist Juwelier Stephan Nittel aus Freiburg. „Zwischen Mitte Januar und Ende Februar kamen deutlich mehr Kunden aus der Schweiz zu uns“, sagt er. Das habe dann allerdings nachgelassen, weil sich die Preisunterschiede auf höchstens 10 Prozent verringert hätten. Und wer mehrere Tausend Euro oder Franken für eine Uhr ausgeben wolle, sei ohnehin nicht so preisempfindlich und achte stärker auf den Werterhalt. Im Ergebnis, sagt Nittel, sei die starke Franken-Aufwertung kein Schock für die Branche in Deutschland gewesen. An der Zahl der verkauften Uhren habe sich nichts geändert – und Juweliere könnten sich über ein aufgewertetes Warenlager freuen.

Insgesamt blickt die Branche relativ optimistisch in die Zukunft. „Wir rechnen damit, dass die Exporte sich weiter stabil entwickeln“, sagt Verbandspräsident Jean-Daniel Pasche. Die Franken-Stärke werde die Industrie aber weiter belasten, ebenso die schwierige Lage in Hongkong und Russland. Stabile Umsätze seien deshalb schon als Erfolg zu werten. Jean-Claude Biver, Chef der Uhrensparte bei LVMH, hält jedoch noch mehr für möglich: „Wenn sich die Dinge nicht verschlechtern, werden wir wieder ein Rekordjahr haben.“

von Sebastian Höhn, Illustration: Lennart Gäbel

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