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Illustration: Mario Wagner / 2Agenten

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Augmented Reality

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Große Ketten verwandeln ihre Filialen zu Hightech-Spielwiesen, in denen reale und virtuelle Welt verschmelzen. Wie sehen die Ladengeschäfte der Zukunft aus?

Die Zukunft hätte man sich dann doch ein wenig anders vorgestellt. „Eine digitale Erlebniswelt“ hatte man beim Betreten der Christ-Filiale in Hamburgs Innenstadt erwartet – so jedenfalls bewirbt die Juwelierskette auf ihrer Website das erstmals im Herbst 2017 präsentierte neue Store-Konzept. Digitale Touchpoints gebe es dort, die den Einkauf zum medialen Gesamterlebnis machten. „Das Unternehmen beweist auch stationär Inno­vationsgeist. Der digitale Flagship-Store ist Richtschnur für die neue Christ-Shop-Generation und ganzheitliche Omnichannel-Strategie.“

Schon das Schaufenster zeugt jedoch mit wenigen digitalen Displays von nicht allzu viel Innovationskraft. Im Inneren dann ein zentral platzierter Touchpoint, der auf den ersten Blick wie ein normaler Spiegel aussieht. Tatsächlich ist es ein „interaktiver Spiegel“, mittels dem Kunden das Sortiment des Onlineshops durchstöbern und Schmuckstücke am eigenen Spiegelbild virtuell anprobieren können. Die Augmented Reality, zu Deutsch „erweiterte Realität“, funktioniert jedoch nicht ganz einwandfrei. Zu ungenau fällt die Positionierung der Ohrringe am Abbild des Kopfes aus, das zudem ziemlich unscharf ist. Wer mag, kann anschließend dennoch ein Foto der virtuellen Anprobe machen und an sein Smartphone senden oder in sozialen Netzwerken posten. Neben dem Spiegel kommt in dem Store weitere Digital Signage, also „Digitale Beschilderung“, zum Einsatz.

Handel investiert in neue Technologien

Die Umsetzung des Konzepts, zu dem sich Christ gegenüber der GZ nicht äußern möchte, mag noch nicht gänzlich ausgereift sein, aber der Besuch zeigt, in welche Richtung der Trend auch in der traditionell veranlagten Juweliersbranche geht. Laut dem EHI Retail Ins­titute steigen die Investitionen des Handels in neue Techno­logien. Demnach haben Omnichannel-Projekte, das heißt die Verknüpfung von stationären und digitalen Verkaufskanälen, in jedem zweiten Handelsunternehmen höchste Priorität. Für rund ein Drittel zählt der „Digital Store“ zu den wichtigsten technologischen Entwicklungen der kommenden drei Jahre.

„Der Handel entwickelt sich immer stärker in Richtung einer Technologiebranche“, sagt Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE). „Innova­tio­nen wie die Navigation per Smartphone in den Geschäften oder mobile Bezahlung machen den stationären Handel für jün­gere, technikaffine Kunden attraktiv.“ Potenzial sieht Genth auch in der sogenannten verlängerten Ladentheke, welche es Kunden ermöglicht, die Produkte vor Ort zu begutachten und dann per Smartphone zusätzliche Informationen zu erhalten sowie die gewünschte Produktkonfigura­tion zusammenzustellen.

Alternativen für kleine Fachhändler

Doch gerade kleineren Juwe­lieren fehlt es oftmals an Mitteln, um ihr Geschäft zum Hightech-Event umzurüsten, für sie bieten manche Hersteller simplere Möglichkeiten, die virtuelle Welt und das stationäre Geschäft zu verbinden. Die Schweizer Schmuckmanufaktur Meister etwa brachte kürzlich eine neue Trauringbroschüre plus „WeddingRing“-App auf den Markt, die Augmented Reality ermöglicht. Hält man das Smartphone über die Broschüre, kann man die abgebildeten Ringe in 3-D auf dem Screen anschauen, in alle Richtungen drehen und vir­tuell anprobieren. Auch der Zugang zum 3-D-Konfigurator ist möglich. „Die App ist für den Gebrauch zu Hause gedacht“, erklärt CEO Fabian Meister. „Die Juweliere profitieren davon, weil die Kunden nach der Nutzung gut vor­be­reitet ins Geschäft kommen und genau wissen, was sie anprobieren wollen.“ Auch vor dem Schaufenster ermöglicht die App über das Scannen eines QR-Codes das digitale Anprobieren der Ringe.

„Nicht nur in den eigenen vier Wänden, sondern auch im Store erleichtert Augmented Reality eine informierte Entscheidung“, sagt HDE-Experte Genth. Vom Wegweiser durch das Geschäft über die Einblendung von Produktinformationen und Illustration der Funktionsweise bis zur persönlichen Beratung durch digitale Verkäufer seien unterschiedlichste Einsatzweisen möglich. „Die Hürde für die Kunden liegt natürlich höher, wenn jedes Mal eine neue App heruntergeladen werden muss. Lösungen, die für mehrere Apps kompa­tibel sind, hätten es da sicher einfacher. Außerdem muss ein echter Mehrwert erkennbar sein – als reine Spielerei ist das auf lange Sicht nicht erfolgsversprechend.“

Auch der Pforzheimer Schmuckhersteller Beka & Bell bietet verschiedene Apps an, etwa die „Juwelier-App“, die es Schmuck- sowie Uhrenfachhändlern er­-
mög­lichen soll, einen direkten digitalen Draht zu den Kunden aufzubauen. Mithilfe von Push-Nachrichten aufs Smartphone wird dieser über Produkte und Sonderaktionen des
Juweliers sowie über den Status von Reparaturaufträgen informiert. Außerdem verfügt das Tool über eine Kaufoption – hierfür ist allerdings ein bestehender Onlineshop Voraussetzung. „Auf diese Weise kann jeder Juwelier die junge Kundschaft erreichen“, sagt Annabell Bogner, Geschäftsführerin von Beka & Bell.

Erlebnisse werden immer wichtiger

Wohin der digitale Weg führt, demonstrieren bundesweit große Filialisten aus den unterschiedlichsten Branchen. Beim Elektronikhändler Media-Saturn beispielsweise kommen Online-Bestell-Terminals und Roboter als Einkaufsbegleiter zum Einsatz, der Sportartikelhersteller Adidas testete kürzlich die individuelle Einzelstückanfertigung am POS mittels Bodyscannern und in einer Berliner Ikea-Filiale können Kunden die Möbel neuerdings mit Hilfe einer speziellen Brille in einem 3-D-Showroom interaktiv erleben.

Die Sortimente virtuell für die Kunden zu vergrößern ist eines der Hauptziele der neuen Konzepte. Das andere: Erlebnisse zu schaffen. „In Zukunft wird das wichtigste Produkt, welches die stationären Händler verkaufen, das Erlebnis sein. Die erfolgreichen Händler werden ihre Geschäfte inszenieren, Produkterlebnisse anbieten, Orte der Begegnung und Kommunikation kreieren“, sagt Retail-Experte Gerd Wolfram vom Beratungsunternehmen IoT Innovation & Consult. Wie kleine Fachhändler da mithalten können, ist eine der großen Herausforderungen der Zukunft. So viel ist jedoch sicher: Der handelnde Mensch lässt sich aus den Geschäften nicht so leicht verdrängen. „Trotz des Bedarfseinkaufes, der überwiegend online ablaufen wird, bleibt der Einkauf im stationären Handel ein wich­tiges Ritual“, so Wolfram. „Ge­­rade weil der Mensch einen Großteil seiner Zeit digital verbringt, ist Einkaufen ein ana­loges und sinnliches Kontrastprogramm – auch wenn die Erlebnisse im stationären Handel durch digitale Technologien verstärkt werden.“

Text: Swantje Friedrich

INFO

Auch der Untitled Verlag bietet die Technologie Augmented Reality an, unter anderem bei der Produktion von Juwelierskatalogen und eigenen Titeln sowie in Kooperation mit Messen.

Kontakt:

Wolfram Bekker
+49 (0) 40 / 18 98 81-192
w.bekker@untitled-verlag.de

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