Das Magazin für Schmuck und Uhren

Ausbildung

Unten das alte Schulgebäude an der Jahnstraße (Bezug durch die „Kunst­gewerbeschule Pforzheim“ im Jahr 1877) und links der Neubau an der St.-Georgen-Steige, in dem die Goldschmiedeschule seit Mai 1960 beheimatet ist

250 plus 30

Doppeljubiläum in Pforzheim

Die Pforzheimer Feierlichkeiten nehmen kein Ende. Nach dem Goldstadt-Jubiläum im vergangenen Jahr feiert nun die Goldschmiedeschule mit Uhrmacherschule ihr 250-jähriges Bestehen. Und das  Berufskolleg für Design, Schmuck und Gerät wird auch schon 30 Jahre alt.

Um das stattliche Alter der Goldschmiedeschule mit Uhrmacherschule einordnen zu können, muss man die Schulgründung im Jahr 1768 im Kontext der damaligen Zeit betrachten. Bereits vor 250 Jahren nämlich war vonseiten der Pforzheimer Wirtschafts- und Traditionsunternehmen der mangelnde Praxisbezug von all jenen Schulabsolventen beanstandet worden, die Universitäten oder sogenannte Lateinschulen besucht hatten. Anstatt jedoch – wie überall sonst – das Fehlen von gewerblichen Schulen einfach hinzunehmen, wurde in Pforzheim gehandelt: Mit der Gründung der Goldschmiedeschule mit Uhrmacherschule durch Markgraf Karl Friedrich von Baden entstand die für den Berufsnachwuchs so wichtige und weltweit erste Berufsschule.

Europaweit Einzigartig

Bis heute ist die Schule an der St.-Georgen- Steige europaweit einzigartig. Unter einem Dach vereint sie eine Berufsschule, Berufsfachschulen für Goldschmiede und für Uhrmacher, eine Meisterschule für Goldschmiede und Graveure, ein Berufskolleg für Design, Schmuck und Gerät, ein Berufskolleg für Produktdesign sowie eine Fachschule für Gestaltung im Bereich Schmuck und Gerät. Unabhängig von der Schulform gibt es ein gemeinsames Ziel: die Sicherung der fachspezifischen Aus- und Weiterbildung des Nachwuchses für die Schmuck- und Uhrenbranche. Dabei legen die Pforzheimer ein besonderes Augenmerk darauf, sowohl handwerklich-technische als auch kreativ-gestalterische Fähigkeiten umfassend zu vermitteln und zu fördern. Nicht zuletzt die Gründung des Berufskollegs für Design, Schmuck und Gerät vor 30 Jahren rückte neben der handwerklichen auch die gestalterische Ausbildung verstärkt in den Fokus. Den Ausschlag für eine Erweiterung des Bildungsangebots gab die seit den 60er-Jahren entstandene, von der Kunst beeinflusste Schmuckavantgarde.

Die jeweils neuesten Ziffernblattentwürfe werden derzeit in einer Schublade gesammelt. Gleichzeitig wird mit verschiedenen Techniken, Farben und Proportionen experimentiert

Schulleiter Dr. Michael Kiefer, der seit 2015 die Geschicke der traditionsreichen Schule lenkt, ist sich der Exklusivität der Institution bewusst. Derzeit freut er sich über eine gesteigerte Nachfrage. „Ausgerechnet in der Hochphase der Digitalisierungswelle stellen wir ein verstärktes Interesse an einer handwerklichen Ausbildung fest“, beschreibt Kiefer den scheinbaren Kontrast. Wie in einer Art Gegenbewegung wäre die „Generation Smartphone“ besonders stolz, wenn sie mit den eigenen Händen und nach eigenen Entwürfen etwas Individuelles hergestellt hätte. Wichtig ist sowohl dem Schulleiter als auch dem gesamten Kollegium, nicht das eine gegen das andere auszuspielen. „Unsere Ausbildung ist darauf ausgerichtet, klassische alte Handwerkstechniken mit modernen Technologien in zeitgemäßer Weise miteinander zu kombinieren.“ Kein Wunder, dass das umfangreiche Pforzheimer Ausbildungsangebot das Interesse internationaler Schüler weckt. In den schuleigenen Werkstätten können sich angehende Gold- und Silberschmiede, Uhrmacher, Graveure, Fasser und Metallbildner sowohl in Voll- als auch in Teilzeit ausbilden lassen.

Starkes Jubiläumsprojekt

Für ein Projekt, das in unmittelbarem Zusammenhang mit dem 250-jährigen Schuljubiläum steht, arbeiten derzeit alle Gewerke und Schulformen zusammen. Pünktlich zur Festwoche im Oktober sollen nämlich 25 individuelle und von Hand gefertige Jubiläumsuhren präsentiert werden. Von der ursprünglich angedachten Anzahl von 250 Uhren habe man wegen der hohen Ansprüche an die manufakturell hergestellten Zeitmesser schnell wieder Abstand genommen, sagt der Schulleiter. Und so entstehen seit Anfang des Jahres fünf goldene Uhren sowie 20 Modelle mit Edelstahlgehäuse. Viele Elemente kommen dabei zu 100 Prozent aus der Schule selbst – angefangen bei den Entwürfen für die Zifferblätter über die Fertigung der Zeiger und Zifferblätter bis hin zur Gestaltung und Herstellung der Verpackungen durch die Schüler des Berufskollegs für Produktdesign. Andere Bestandteile wie Werke oder Gehäuse werden fertig oder als Halbzeuge angeliefert.

„Da die ursprüngliche Pforzheimer Uhrenindustrie den Ausgangspunkt für das Jubiläumsprojekt bildet, möchten wir bei den Jubiläumsmodellen die verschiedensten Techniken wie etwa Emaillieren oder Mokume Gane zur Anwendung bringen“, erläutert Michael Kiefer das Procedere. Fünf verschiedene Zifferblattgestaltungen stünden deshalb symbolisch für die Vielfalt der Techniken an der Schule.

Die Qual der Wahl: Schüler und Lehrer beim Auswählen der Edelsteine für das „Unikate“-Projekt

Festwoche Im Oktober

Bereits in der Woche vor dem 13. Oktober, an dem die Goldschmiedeschule mit Uhrmacherschule mit einem Tag der offenen Tür und einem feierlichen Festakt das 250-jährige Jubiläum feiert, finden zahlreiche Projekte statt. So gibt es vom 8. bis 12. Oktober tägliche Workshops zu einem bestimmten Thema, die schulartübergreifend durchgeführt werden. Zudem wird das neue Buch der Kuratorin, Dozentin und wissenschaftlichen Buchautorin Dr. Chris Gerbing vorgestellt, das sie derzeit anlässlich des Schuljubiläums verfasst.

Unikate vom Berufskolleg

Den Anfang aller Schulfeierlichkeiten jedoch macht das Berufskolleg für Design, Schmuck und Gerät mit dem zweiten Teil des Ausstellungsprojekts „Unikate“. Anlässlich des Doppeljubiläums von Schule und Kolleg hatte die Pforzheimer Firma Schütt – Schmuck & Edelsteine die Schüler der drei Berufskolleg-Klassen und ihre Lehrer dazu eingeladen, sich jeweils einen Edelstein aus dem großen Sortiment auszusuchen und diesen in einem Schmuckstück zu verarbeiten.

Entstanden sind 65 Schmuckstücke – gestaltet und gefertigt in den Werkstätten des Berufskollegs. Dabei wählte jede Klasse ein anderes Thema, das als Entwurfsgrundlage diente. Die Schüler des ersten Ausbildungsjahres bearbeiteten das Thema „Kaum zu fassen“, während sich das zweite Jahr mit dem Phänomen „unikat“ und das dritte mit dem Thema „Schere, Stein, Papier“ beschäftigte. 

Dass die Schüler die Herausforderung, dem Stein eine persönliche Ausdrucksform zu verleihen, mit Freude angenommen hätten, thematisierte auch Ulrich Haass in seiner Eröffnungsrede. Anhand des Ausstellungsmottos „Unikat“ erläuterte der ehemalige Leiter der Goldschmiedeschule den wichtigen Stellenwert des Ausbildungsansatzes, der am Berufskolleg gelebt wird. „Das pädagogische Prinzip dieser Ausbildung beruht auf der Überzeugung, dass eine optimale Ausbildung im Bereich Schmuck und Gerät nur durch die Überwindung der Trennung von Entwurf (Design) und Realisation (Produktion) geschehen kann“, so Haass. Aus Erfahrung weiß er, dass „das Prinzip von Einheit und Gleichzeitigkeit gestalterischer und handwerklicher Ausbildung in enger Kooperation mit den jeweiligen Lehrkräften umgesetzt wird. Sie alle haben eine handwerkliche Ausbildung sowie ein Designstudium mit Abschluss Diplom oder Master.“

Zu sehen ist die Ausstellung „Unikate“ noch bis zum 9. Juni in den Räumen der Firma Schütt.


Unterstützung aus Pforzheim und der Schweiz

Unterstützt wird das Jubiläumsprojekt von zahlreichen Firmen, ohne die die 25 Uhrenmodelle kaum hätten realisiert werden können. So liefert Heimerle & Meule die Goldgehäuse, die Firma Fricker die aus Edelstahl. Die Mokume- Gane-Sticks stellt C. Hafner zur Verfügung, die Uhrwerke die Firma Astrath/ HF Bauer und die Silbertafeln für die Zifferblätter die Agosi. Dankbar ist die Schule auch dem Bundesverband Schmuck und Uhren, der die Kontakte vermittelt und so zur Verwirklichung des Projekts beigetragen hat.

Text: Christel Trimborn

www.goldschmiedeschule.de
www.unikate-pforzheim.de

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