Das Magazin für Schmuck und Uhren

Wirtschaft

Blick auf das Industriehaus im Jahr 1938 – damals bereits Sitz der „Ständigen Musterausstellung“. Heute befinden sich hier die Schmuckwelten Pforzheim (Foto: S1-6-102-002r/Otto Kropf/Stadtarchiv Pforzheim)

Stets auf die Stärke besonnen

Geschichte

Ein Erlass des Markgrafen von Baden markiert den Beginn der Schmuck- und Uhrenindustrie in Pforzheim. Sie prägte und prägt die Stadt auf unvergleichliche Art, wie ein Blick in die Geschichte zeigt.

„Von Anbeginn eine gewerbefleißige Stadt.“ So beschrieb der ehemalige Bürgermeister Pforzheims, Will König, 1964 seinen Heimatort im Hinblick auf die Anfänge der Goldstadt und urteilte weiter: „Auf diese Weise verstanden sie es, durch Fleiß und Regsamkeit zu Wohlstand zu gelangen und diesen Wohlstand, wenn sie ihn auch im Verlauf ihrer geschichtlichen Niederbrüche oft wieder eingebüßt hatten, stets wieder zäh und umsichtig von Neuem zu begründen.“

In diesem historischen Zitat findet sich Wesentliches aus der facettenreichen Pforzheimer Geschichte, auf die man heute aus Anlass des 250-jährigen Jubiläums der Pforzheimer Schmuck- und Uhrenindustrie zurückblickt. Dieser Rückblick zeigt, dass sich Umbruch, Wandel und Veränderung, Weiterentwicklung, Fortschritt und Neubeginn wie ein roter Faden durch diese Historie ziehen. Dabei wurde die Fertigung von Schmuck und Uhren zum zentralen Thema der Stadt, stiftete ihre Identität und gab ihren Bewohnern Selbstbewusstsein – führte aber gleichermaßen zu Selbstzweifeln, wenn eine Talfahrt ansetzte. Diese gab es zuhauf, denn Stadt und Industrie waren dem Lauf der Geschichte und den wirtschaftlichen Unwägbarkeiten bisweilen wie ein Spielball ausgesetzt. Außerdem hat Pforzheim wie keine andere deutsche Stadt einen unvorstellbaren Schlag erleben müssen: die fast völlige Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, auf die sowohl ein unvergleichlicher Aufschwung als auch schwierige Zeiten folgten.

historische Ansicht auf das ­Pforzheimer Waisenhaus im Jahr 1856
Auf einer historischen Ansicht ist das ­Pforzheimer Waisenhaus im Jahr 1856 abgebildet, das in alten Zeiten auch eine Heil- und Pflegeanstalt war (Foto: S5-082/Stadtarchiv Pforzheim)

Zurück zu den Anfängen vor 250 Jahren, die sich genau datieren lassen: Am 6. April 1767 ordneten Markgraf Karl Friedrich von Baden und seine Frau, Karoline Luise von Baden, in einem Erlass die Eröffnung einer Uhrenmanufaktur im Waisenhaus in Pforzheim an. Durch die Kenntnisse ausländischer Facharbeiter sollte nicht nur die Wirtschaft der Stadt gestärkt, sondern auch den Zöglingen des Waisenhauses Ausbildung und Beschäftigung gegeben werden. „Die Gründung hat die Entwicklung unserer Stadt ganz entscheidend geprägt“, sagt Uwe Staib, Präsident des Bundesverbandes Schmuck und Uhren. „Damals wurde die Grundlage eines neuen Wirtschaftszweigs geschaffen, der sich im Laufe der 250 vergangenen Jahre zu einem hohen Niveau entwickelt hat.“ Beim Rückblick auf die Anfänge sieht Staib auch die Verbindung von „wirtschaftlichen Überlegungen mit sozialem Engagement“ und sagt: „So hat sich der Kurfürst als modern denkender Fürst erwiesen. Pforzheim hat guten Grund, ihm dankbar zu sein.“

Allerdings hatte der Markgraf nicht nur Freude mit seinem Projekt. Insbesondere der als Leiter der Uhrenmanufaktur angeworbene Franzose Jean François Autran erwies sich als windiger Geschäftsmann, der nicht nur Geld aus dem Unternehmen zog, sondern sich auch mit seinen Landsleuten Amédé Christin und Jean Viala zerstritt, sodass die Fabrik in die  Fertigung von Stahlwaren und in die Produktion von Uhren, Bijouterie und Juwelen geteilt wurde. Beide Unternehmen wuchsen und beschäftigten um das Jahr 1771 herum bereits mehr als 200 Menschen. Nach dem Weggang von Autran übernahm der Kaufmann Johann Jakob Ador die Leitung der Fabrik und kaufte sie später ganz.

Diesen Weg in die Selbstständigkeit gingen auch andere Arbeiter. Da aber Waisenhaus und Fabrikbau zu klein für alle Arbeitskräfte wurden, erlaubte man Kabinettmeistern, sich mit ihren Lehrlingen außerhalb des Waisenhauses anzusiedeln. So entstand ab 1776 durch die Einführung der Gewerbefreiheit ein neues, freies Fabrikantentum. Es entwickelte sich eine neue Tradition des Unternehmertums, die Kenner und Autor Wolfgang Pieper folgendermaßen beschrieb: „Die Möglichkeit der Facharbeiter, sich zu verselbständigen, wurde zu einem Wesensmerkmal der Pforzheimer Schmuckindustrie.“ Ein weiteres Merkmal war die Arbeitsteilung: An der Fertigstellung von Schmuck waren stets mehrere Betriebe beteiligt, die sich jeweils auf einen der Arbeitsschritte spezialisierten.

Rassler-Denkmal von Fritz Theilmann, Pforzheim
Das Rassler-Denkmal von Fritz Theilmann erinnert an die Arbeiter, die aus umliegenden Dörfern zu Fuß kamen (Foto: Yvonne Schmedemann)

Spielball der Weltgeschichte

Doch die Zeiten waren wechselvoll: Ob Französische Revolution, Weltwirtschaftskrise oder Krieg – das Weltgeschehen hatte seine Auswirkungen auf die Pforzheimer Unternehmen. In der Rückschau auf das 19. Jahrhundert spiegeln sich also badische, deutsche und europäische Geschichte in den Auf- und Abwärtsbewegungen der Pforzheimer Industrie. Dennoch wurde die Schmuckherstellung zur wichtigsten Einnahme- und Arbeitsquelle von Pforzheim. Eine Blütezeit erlebte die Stadt am Ende des 19. Jahrhunderts: 1890 arbeiteten rund 8800 Menschen in der Schmuckindustrie, die Stadt wuchs, viele Arbeitskräfte „pendelten“ zu Fuß nach Pforzheim, wo man sie „Rassler“ nannte. An der Wende zum 20. Jahrhundert hatte Pforzheim schließlich 43 000 Einwohner, es gab mehr als 500 Betriebe mit insgesamt über 14 000 Beschäftigten.

Eine Säule des Aufschwungs waren Fortschritt und Erfindungsreichtum: Die 1853 in Pforzheim aufgebaute Strom- und Gasversorgung trug dazu bei, dass von Hand- auf Maschinenarbeit umgestellt wurde und Mechanisierung sowie Industrialisierung voranschritten. Neue Techniken und Maschinen sowie kreative Schöpfungen im künstlerischen Bereich bescherten Pforzheimer Fabrikanten einen weiteren Vorsprung. Zu nennen ist hier insbesondere die Doublé-Technik, die in Frankreich erfunden, in Pforzheim aber deutlich verbessert wurde und im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts den Aufschwung möglich machte. Hinzu kam der Geschäftssinn der Pforzheimer Fabrikanten. Von Anfang an weiteten sie die Absatzmärkte in andere Länder und sogar auf andere Kontinente aus. In der Folge kamen auch immer mehr Einkäufer nach Pforzheim, die ab dem Jahr 1914 in die „Ständige Musterausstellung“ geführt wurden – dort präsentierten die örtlichen Unternehmer vorübergehend ihre Kollektionen.

Schließlich eröffnete 1926 im neu erbauten Industriehaus auf dem Eckgrundstück Poststraße 1 die „Ständige Musterausstellung der deutschen Schmuckwarenfabriken“. 2003 wurde das Gebäude abgerissen und ein äußerlich an das Original erinnernder Neubau errichtet, in dem sich seit 2005 die Schmuckwelten Pforzheim befinden. Hier kann heute jeder Schmuck und Uhren aus Pforzheim erleben.

Im frühen 20. Jahrhundert erlebte die Uhrenindustrie in Pforzheim eine Wiederauferstehung und ebenfalls einen Boom. Doch die Zeiten waren schwierig, was in den beiden großen Weltkriegen gipfelte. Sie brachten jeweils die Schließung von Betrieben mit sich; zudem wandten sich sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg Betriebe der Traditionsindustrie der Rüstungsproduktion zu, in der Anfang der 40er-Jahre Tausende  Zwangsarbeiter tätig sein mussten.

Für Pforzheim führte der Zweite Weltkrieg zu einer großen Katastrophe: Am 23. Februar 1945 versank die Stadt nach einem Bombenangriff in einem gewaltigen Feuersturm. Mehr als 17 000 Menschen kamen ums Leben, von insgesamt 24 000 Wohnungen in Pforzheim wurden rund 16 000 zerstört, rund 700 Pforzheimer Betriebe wurden vernichtet.

Nach Ende des Krieges kehrte im Sommer 1945 langsam eine Ahnung von Normalität zurück. Und obwohl ein immenser Mangel herrschte, begann wieder die Herstellung von Schmuck: Mangels Edelmetallen arbeitete man mit Holz, Eisen, Acryl oder farbigem Aluminium. Auch die Uhrenfertigung lebte wieder auf und wuchs nach der Währungsreform im Juni 1948 rasant.

Schmuckwelten in Pforzheim
Blick in die 2005 eröffneten Schmuckwelten in Pforzheim – hier präsentiert sich heute die Traditions­industrie der Goldstadt (Foto: Yvonne Schmedemann)

Handwerkskunst statt Massenware

Die Stadt prosperierte in den folgenden Jahrzehnten: Mitte der 50er-Jahre beschäftigte die Pforzheimer Uhrenindustrie mehr als 10 000 Arbeitskräfte in rund 270 Betrieben. Etwa die Hälfte der deutschen Armbanduhren wurde in Pforzheim hergestellt. In der Schmuckindustrie arbeiteten in den 50er- und 60er-Jahren zwischen 10 000 und 12 000 Menschen.

Dann aber setzten der Traditionsindustrie die Wirtschaftsflaute der frühen 80er-Jahre, Konkurrenz aus Billiglohnländern sowie ein Struktur- und Technikwandel zu. Rüdiger Wolf, von 1981 bis 2012 Geschäftsführer des Creditoren-Vereins (CV) Pforzheim, bilanziert: „In der Zeit von 1980 bis 2015 gingen mindestens 350 Firmen der Schmuck- und Uhrenbranche im Wirtschaftsraum Pforzheim verloren – durch Insolvenzen oder Geschäftsaufgaben.“ Die Gewerkschaft IG Metall berichtete ebenfalls von „dramatischem Arbeitsplatzabbau in der Schmuckindustrie“.

Daneben aber gab es Unternehmen, die sich gegen den Trend der billig in Asien hergestellten Massenware stemmten und in den Premiumbereich strebten, die der hochkarätigen Handwerkskunst und dem ordentlichen Handwerk treu blieben. Andere Unternehmer wurden in anderen Geschäftsbereichen erfolgreich – so ist Pforzheim heute Heimat von Firmen aus der Präzisions-, Metall- und Medizintechnik, die auf Wissen und Know-how aufbaut, das in der Schmuck- und Uhrenindustrie entstand.

Dazu sagt Oberbürgermeister Gert Hager: „Die Pforzheimer Wirtschaft hat sich auf ihre Stärken und Kompetenzen besonnen und in aufstrebenden Wirtschaftszweigen neu zur Anwendung gebracht. Die Pforzheimer Wirtschaft hat mit Flexibilität und Anpassungsfähigkeit auf den tiefgreifenden Strukturwandel reagiert.“ Zugleich glaubt Hager an die Zukunft der Traditionsindustrie: „Hochwertiger Schmuck und Uhren sind Luxusgüter, die auch zukünftig einen Markt haben werden.“

Text: Iris Wimmer-Olbort


Das Buch zum Jubiläum

Iris Wimmer-Olbort ist Autorin des offiziellen Buches zum Jubiläum der Schmuck- und Uhrindustrie. Der hochwertig gestaltete Band „Metamorphosen: 250 Jahre Goldstadt Pforzheim“ mit exklusiven Fotos schildert die Geschichte der Traditionsindustrie und erlaubt in Gesprächen mit Unternehmern und Persönlichkeiten einen Blick in die Vergangenheit und Zukunft.

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