Das Magazin für Schmuck und Uhren

Schmuck

Ein Mann, der weiß, was gefällt

Giovanni Raspini

Die Entscheidung für eine kreative Tätigkeit beruht fast immer auf Berufung, manchmal auch auf überwältigender Leidenschaft. Letzteres gilt für Giovanni Raspini, der mit seinen Schmuckkollektionen den deutschen Markt erobert.

Obgleich er ein erfolgreicher Architekt war, zögerte Giovanni Raspini nicht lange. Er gab seinen Beruf und sein Büro auf, kaufte einen Silberwarenbetrieb und begann ein neues Leben. Das war vor 32 Jahren. Anfang des neuen Jahrtausends erfand sich der toskanische Designer ein weiteres Mal neu, indem er sich – nach dem Entwurf von Silberwaren für Tisch und Einrichtung – auch der Kreation von Schmuckstücken zuwandte. Heute entfallen 90 Prozent der Geschäftstätigkeit auf die Schmuckherstellung, ergänzt durch zwei Geschenkartikel-Linien, eine aus Silber und eine aus der „White Bronze“-Legierung.

Seine Inspiration bezieht Raspini aus der Welt der Natur, von Korallen über Fische, Pflanzen, Blumen und Dschungeltiere bis hin zum Krokodil, dem Symbol der Marke, das sogar auf den Türgriffen der Flagship-Stores zu finden ist. In den vergangenen Jahren hat er in Italien zwölf sowie in Montecarlo und auf Kreta zwei solcher Boutiquen eröffnet, während eine weitere in Kürze in der Londoner South Molton Street entsteht.

In der hauseigenen Manufaktur in Arezzo arbeiten 60 Personen. Die große Entwurfs- und Wachsmodellier-Abteilung besticht durch das völlige Fehlen von Computern und auch die Fertigungsverfahren sind streng traditionell. Das Geschäftsleben ist von einer intensiven kulturellen Tätigkeit begleitet, die in den vergangenen Jahren Fachveröffentlichungen zu Silberwaren hervorbrachte, aber auch ein Hausmagazin, mehrere Ausstellungen, etwas Sponsoring und eine amüsante Abhandlung, in der Giovanni Raspini zusammen mit dem Journalisten Francesco Maria Rossi – in sehr freier Anlehnung an die historischen Schriften über gute Umgangsformen – die Gewohnheiten der heutigen Gesellschaft beleuchtet.

Aus der Kollektion „Fiore d’Alba“: Halskette, Ring und Armreif aus 925 Silber

GZ: Herr Raspini, wie schwierig war der Übergang von der Architektur zur Schmuckbranche für Sie?

Giovanni Raspini: Nun, es war keine ganz neue Welt für mich. Ich stamme aus einer Familie von Antiquitätenhändlern, war selbst Sammler von Silberwaren aus dem 18. Jahrhundert und hatte schon in jungen Jahren angefangen, Tafelsilber zu entwerfen. Meine Entwürfe ließ ich dann von Silberschmieden ausführen, aber es war ein langwieriger, aufwendiger Prozess. Deshalb habe ich es dann eines Tages so gehalten wie der Gourmet, der ein Restaurant kaufte und selbst zu kochen begann …

Und wie kam es, dass Sie sich neben Silberwaren auch dem Entwurf von Schmuck gewidmet haben?

Zum einen, weil mich Schmuck immer schon gereizt hat. Zum anderen, weil die Menschen heutzutage gern Geld ausgeben, um es sich gut gehen zu lassen und gut auszusehen: Wellness, gutes Essen, Mode, Reisen, Tattoos … Unser einstiges Kerngeschäft, also feine Silberwaren, ist heute nur mehr das Wunschobjekt einer kleinen Elite. Eine Diversifizierung war unumgänglich.

War die Umstellung kompliziert?

Silberwarenherstellung und Schmuckfertigung sind zwei unterschiedliche Metiers. Die größten Schwierigkeiten waren dabei nicht so sehr technischer Natur – auch weil mein Geschäftspartner Claudio Arati bereits über Erfahrung mit der Fertigung von Charms für die Schmuckbranche verfügte –, sondern eher mentalitätsbezogen. Wir mussten umdenken: Die Welt des Schmucks erfordert mehr Leichtigkeit und auch eine Prise freche Frivolität.

Gibt es heute noch eine klare Trennlinie zwischen Echt- und Modeschmuck?

Diese Linie verwischt immer mehr. Früher waren nur Edelmetalle wichtig, heute gibt es wahre Meisterwerke an Marken-Modeschmuck. Stil und kreative Identität zählen mehr als der Wert der Ausgangsmaterialien.

Haben Silberwaren in Ihrer Zukunft auch weiterhin einen Platz?

Auf jeden Fall! Die Fertigung mancher Silberartikel, etwa von Sektkühlern, ist auch weiterhin sehr erfreulich. Andererseits hat uns der Markt dazu inspiriert, eine Produktlinie aus der Legierung „White Bronze“ zu kreieren, die einem größeren Kundenkreis zugänglich ist.

Gibt es Künstler, deren Arbeiten Sie besonders bewundern?

Mir gefallen Künstler, die sich durch Originalität oder die Fähigkeit auszeichnen, ihrer Zeit voraus zu sein. Beispielsweise Christopher Dresser, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Kaffeekannen gestaltete, die den Art déco um Jahrzehnte vorwegnahmen. Oder Fulco di Verdura. Und einen modernen, noch nicht sehr berühmten Goldschmied namens Alessandro Dari.

Weshalb werden nur zehn Prozent Ihrer Produkte ins Ausland verkauft?

Nun, wir haben erst vor Kurzem mit unserer Internationalisierung begonnen, aber ich habe den Eindruck, dass die Liebe der deutschen Kunden für italienischen Stil und südländische Fantasie zu unseren Gunsten arbeitet: Deutschland ist binnen kurzer Zeit zu einem unserer wichtigsten Auslandsmärkte geworden.

Stimmt es, dass Sie eine Themenausstellung mit besonderen Skulpturen und Entwürfen vorbereiten?

Ja, sie wird im November im Mailänder Palazzo Visconti eröffnet. Dabei geht es um eine ästhetische Neu-Interpretation des Themas der „Vanitas“, das einer bestimmten Malerei des 17. Jahrhunderts zu eigen war, sowie des Totentanzes. Die Arbeiten sind von Totenköpfen und nicht unbedingt fröhlichen Symbolen bevölkert, immer jedoch mit jener Leichtigkeit, Ironie und Lebensfreude, die uns kennzeichnet. 

Text Roberto Chilleri

www.giovanniraspini.com

Zurück