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Beton

Beton

Von wegen Grau in Grau: vielfältiger Schmuck aus Beton
Die Verwendung unedler Materialien ist im zeitgenössischen Schmuckdesign nichts Neues. Erstaunlich aber sind Schmuckkreationen, die den Werkstoff Beton integrieren und ihn in ein völlig neues Licht rücken.

Die Vorstellungen – und Vorbehalte – hielten sich lange Zeit hartnäckig: Beton sei grau, kalt und klobig und stehe im krassen Gegensatz zu „warmen“ Materialien wie beispielsweise Holz oder zu ästethisch-stylischen wie beispielsweise Glas. Jenseits gleichförmiger Plattenbausiedlungen entpuppt sich das Gemisch aus Zement, Gesteinskörnung und Wasser jedoch seit einigen Jahren als kunstvolles Material mit vielen Gesichtern, das mittlerweile nicht nur für die Aussenhaut von Häusern verwendet wird, sondern längst auch als stilbildendes Element im Interior Design Einzug gehalten hat. Der graue Werkstoff steckt nicht zuletzt wegen seiner Bearbeitungsvielfalt voller Überraschungen: Er lässt sich giessen, färben und schleifen und bietet anspruchsvolle Gestaltungsmöglichkeiten. Seine enorme Langlebigkeit, Funktionalität und Flexibilität lässt Beton für zeitgenössische Architekten zu einer der bevorzugten Bausubstanzen werden. Sie entlocken ihm Formen, die mit grauem Einerlei herzlich wenig zu tun haben: Das japanische Architekturatelier Tekuto beispielsweise errichtete ein Ein-Personen-Wohnhaus aus Beton, das vor allem wegen seiner äusseren Form wie ein cooles Kleinod inmitten des Tokioter Stadtbilds wirkt. Das Gebäude mit dem vielsagenden Namen „Reflection of Mineral“ hat die Gestalt eines überdimensionalen, geschliffenen Schmucksteins. Aber nicht nur am Bau, sondern auch in anderen Bereichen verblüfft Beton: als schwimmendes Boot in Form eines „entspannten“ Rings oder als transluzente Wand, die mit ihrer stimmungsvollen Lichtdurchlässigkeit völlig neue Aspekte nicht nur für die Architektur eröffnet.

Kundenecho


Gänzlich überraschend ist jedoch die Verwendung von Beton im Schmuckbereich, mit der alle eingangs genannten Vorurteile widerlegt werden können. Ob schlicht in dezenten Grautönen gehalten oder mit Schmucksteinen veredelt – Beton erobert sich seine ganz eigene Bühne
auf dem Markt der Trendaccessoires. Auch der Goldschmied und Galerist Matthias Grosche aus Castrop-Rauxel hatte zunächst Zweifel, als drei junge Schmuckdesigner aus Taipeh mit ihrem Betonschmuck an ihn herantraten: „Ich war erst einmal skeptisch, was die Tragbarkeit der Ringe anging, und liess mir daher ein Exemplar schicken, um es selbst zur Probe zu tragen“, erklärt Matthias Grosche. Schnell liess er sich von den besonderen Eigenschaften des Betonschmucks überzeugen.

Der Edelstein unter den Tokioter Wohnhäusern: Reflection of Mineral, Entwurf des Ateliers Tekuto aus Tokio
Der Edelstein unter den Tokioter Wohnhäusern: Reflection of Mineral, Entwurf des Ateliers Tekuto aus Tokio

„Der Schmuck ist deutlich leichter als man denkt, wenn man ihn zum ersten Mal sieht. Und viel unempfindlicher, als es das Material vermuten lässt“. Die Designer aus Taipeh, die unter dem Label „22 Designstudio“ ihren Schmuck entwerfen, haben sich für ihre Kollektion von Betonringen von der Architektur und dem urbanen Lebensgefühl ihrer Heimatmetropole inspirieren lassen. Die mit Edelstahl ausgeschlagenen Ringschienen garantieren guten Tragekomfort, während die individuelle Oberflächenstruktur und eigenwillige Formgebung Individualisten ansprechen. „Wir erhalten ein grosses Kundenecho auf die Betonringe“, freut sich Grosche über den Erfolg des Schmucks, der dort exklusiv in Deutschland erhältlich ist.

Kooperation


Die Kölner Goldschmiede Bärbel und Andreas Wieneke liessen sich für ihren Betonschmuck nicht nur von der Architektur inspirieren, sondern gingen dafür auch eine Kooperation mit der Bauingenieurin und Betonspezialistin Katja Rodrian ein. Schon seit längerem setzt die ebenfalls in Köln tätige Rodrian den Werkstoff Beton innovativ in der Innenarchitektur und im Möbelbau ein und verwendet dafür zum Teil selbst entwickelte Beton-„Rezepte“, während Bärbel und Andreas Wieneke seit jeher eine Faszination für Materialien hegen, die im Schmuckbereich eher fremd sind.

Edel und unedel: Materialmischung aus Beton, Gold und/oder Silber, Bärbel und Andreas Wieneke
Edel und unedel: Materialmischung aus Beton, Gold und/oder Silber, Bärbel und Andreas Wieneke

Der Reiz liegt für die drei Beteiligten neben der interessanten Farbigkeit und Haptik vor allem in der Sensi-bilität des Materials selbst: „Die Beschaffenheit erfordert grosses Fachwissen und handwerkliches Geschick“, erklärt Bärbel Wieneke. Entstanden ist aus dieser aussergewöhnlichen Zusammenarbeit eine erste Kleinserie mit Anhängern, Ringen, Ohrringen und Manschettenknöpfen von geradliniger Eleganz.

Wertvorstellung


Die Frage nach der Wertigkeit der Materialien stellt der Londoner Schmuckdesigner Kelvin Birk in seinem Projekt „Silber und Beton“. „Ich hinterfrage den Begriff ‚Wert‘, indem ich Beton genauso behandele wie ein wertvolles Material, beispielsweise Silber“, erläutert Birk die Motivation zu diesem Projekt. In seinen Arbeiten vertauscht er den Wert-Gedanken: Was normalerweise glänzt und glitzert, wird nun grau und stumpf – der Betrachter muss seinen Begriff von Wertigkeit überdenken, denn alle Materialien werden als ebenbürtig und gleich kostbar angesehen. Kelvin Birk setzt Beton entweder als Hauptwerkstoff seiner Arbeiten ein oder verwendet ihn nur in Details, beispielsweise für Schalen, Kannen oder bei seinen Manschettenknöpfen und Ringen. Zusätzlich in den Beton eingelassene oder versprenkelte Edelsteine setzen weitere Akzente.

Kopfarbeit


Auch die in Hamburg ansässige Designerin Kathleen Hennemann arbeitet schon seit einigen Jahren mit dem Material Beton. Darauf gestossen ist sie bei der Überlegung, welches Material eine maskulinere Anmutung als Gold oder Silber für Herrenschmuck haben könnte. Schlicht sollte der Stoff sein und doch anders als das schon allzu Bekannte. „Beton bietet so viele Möglichkeiten – der Grauton ist wie ein weisses Blatt Papier, auf dem die verarbeiteten Elemente eine ganz andere Präsenz entwickeln können als beispielsweise auf Silber“, sagt Hennemann. Auch sie bestätigt die positive Reaktion der Kunden auf das Material und ihre Entwürfe. Die Überraschung, Beton in Schmuckkollektionen vorzufinden, verfehlt nicht ihre Wirkung auf die Betrachter: „Es ist einfach etwas ganz anderes als das, was man sonst zu sehen bekommt. Danach suchen die Leute“, so Kathleen Hennemann. „Beim Anblick von Betonschmuck passiert unheimlich viel im Kopf“, erklärt sie weiter. „Dem Anschein nach müsste er sehr schwer sein, in Wahrheit aber ist der Schmuck federleicht. Ausserdem verändert er sich im Laufe der Zeit“.

Trotz der massiven Anmutung erweisen sich die Ringe des 22 Designstudio als erstaunlich leicht
Trotz der massiven Anmutung erweisen sich die Ringe des 22 Designstudio als erstaunlich leicht

Tatsächlich wird der Beton mit der Zeit immer härter, neu gegossene Ringe erreichen erst nach Monaten den letztendlichen Härtegrad. Darüber hinaus kann der Schmuck seine Farbe verändern – beispielsweise durch das Tragen und die Berührung mit Schweiss oder Kosmetika. „Diese Farbveränderungen werden Teil des Schmucks, sie geben meinen facettierten Ringen eine besondere Tiefe, die man durch keinen gestalterischen Trick hinbekommt. Sie machen die Struktur sichtbar und verleihen dem Schmuck die persönliche Note“, erläutert die Hamburger Gestalterin. Ihre Schmuckarbeiten aus Beton sind allesamt Unikate, für jedes Objekt fertigt sie eine eigene Verschalung an. „Die Vorarbeit im Kopf ist enorm wichtig, ist der Schmuck erst einmal gegossen, kann man nichts mehr ändern“. Im Inneren stabilisiert sie die Ringe mit Stahl- oder vorzugsweise mit Eisendraht. Oftmals schauen die etwas rostigen Enden noch heraus, um dem Schmuck Authentizität zu verleihen. Beton und Rost – das entspricht dem Kundengeschmack: „Mittlerweile bin ich so weit fortgeschritten in der Bearbeitung, dass ich meine Betonschmuckstücke fast blasenfrei fertigen kann“, berichtet sie. Ein Fortschritt, den die Kunden gar nicht unbedingt schätzen, denn: „Ich musste feststellen, dass die Kunden diesen Perfektionismus gar nicht wollen, sie fragen verstärkt nach den Stücken, bei denen die Blasen noch zu sehen sind“. Obwohl sie bereits seit geraumer Zeit intensiv mit Beton arbeitet, scheint er auch heute noch eine endlose Quelle der Inspiration zu sein: „Ich habe ständig so viele Ideen dazu im Kopf, ich sehe immer Möglichkeiten, was man noch machen kann, denn das Material ist so unglaublich vielfätlig. Ich bin noch ganz am Anfang.“



Concrete Design


Beton gilt mittlerweile weltweit als ästhetisches und hochwertiges Material, das seinen festen Platz in den Entwürfen international renommierter Architekten hat. Das Buch „Concrete Design“ präsentiert nach einem kurzen Einführungstext anhand von Fotos und Grundrissen eine Sammlung eindrucksvoller Betonarchitektur aus der ganzen Welt, die die faszinierende Bandbreite der Einsatzmöglichkeiten verdeutlicht.

„Concrete Design“, daab Verlag, Format 23 x 18 Zentimeter, Hardcover, 384 Seiten, Text englisch/deutsch/spanisch/französisch/ italienisch, ISBN 978-3-86654-047-7, 24,95 Euro

von Christel Trimborn, Prisca DeGroat

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