Die Geburt einer ungewöhnlichen Idee
Alle bisherigen Kunstbücher (meist Monografien), die Andy Lim seit der Gründung seines Verlags im Jahr 2003 produziert hat, sind vor allem von zwei Dingen geprägt: von hoher Herstellungsqualität und von eigenwilliger visueller Extravaganz. Mal wechseln alle zwölf Seiten die Papierqualität und das Layout. Mal sind die Buchmasse überdurchschnittlich gross oder klein, und mal – wie bei dem Buch „The Grip“ – ziert ein massivgoldener Griff eine Publikation. Es war während der Entstehungsphase des Griff-Buchprojekts, als der Wahlkölner Lim 2004 dem Goldschmied und Schmuckkünstler Karl Fritsch begegnete. „Karl war der allererste Goldschmied überhaupt, den ich kennengelernt habe“, berichtet der Musiker über seine ersten Kontakte in die Schmuckszene. Im Laufe der folgenden zwei Jahre verlegte Darling Publications zunächst zwei Bücher über Karl Fritschs Schmuckarbeiten sowie eine weitere Monografie über die Schmuckgestalterin Lisa Walker. Weil es jedoch zu seinen Lebensprinzipien gehört, sich spätestens nach sechs bis sieben Jahren beruflich zu verändern, hatte Andy Lim 2007 angekündigt, sich aus dem Verlagsgeschäft wieder zurückzuziehen. „Als er von meinem Entschluss hörte, schlug Karl vor, ich solle noch ein letztes Buch machen, von dem nicht nur ein einzelner, sondern alle Schmuckkünstler profitieren könnten“, erzählt Andy Lim. Wenn „alle“ etwas davon haben sollen, sollten eigentlich auch „alle“ darin vorkommen – so sein erster Impuls. Eine Idee, die er aufgrund der unübersichtlichen Zahl der in aller Welt verteilt lebenden und arbeitenden Schmuckgestalter schnell wieder verwarf. Aber die Realistion eines „Branchen-Sammelalbums“ liess ihn nicht los. Zunächst 300, später dann 500 internationale Schmuckgestalter, die in einem Buch vereinigt sein sollten, schwebten ihm vor – bis er auf eine weitere Schwierigkeit stiess: Wer sollte all diese Personen benennen, auswählen, kontaktieren?
Schneeballsystem mit zwischenmenschlicher Note
Schon kurze Zeit nachdem Andy Lim endgültig beschlossen hatte, „The Compendium“ zu produzieren, war sein Name in aller Munde. Branchenprofis wie Theo Smeets, Professor in Idar-Oberstein, oder Dr. Christianne Weber-Stöber, Geschäftsführerin der Gesellschaft für Goldschmiedekunst, wurden bereits monatelang vor dem ersten persönlichen Kontakt immer wieder von verschiedenen Seiten nach dem bis dahin in der Branche völlig unbekannten Verleger gefragt. Der Ruf des Unkonventionellen und des Querdenkers eilte ihm voraus. Kein Wunder, denn ohne sich in irgendeiner Weise um die sonst üblichen Gepflogenheiten der Schmuckbranche zu kümmern, hatte Lim sich für ein äusserst unorthodoxes Verfahren entschieden, nach dem die Teilnehmer von „The Compendium“ zusammengestellt werden sollten. Keine Jury und kein Fachbeirat waren für die Wahl der Schmuckkünstler verantwortlich, sondern – in einer Art Schneeballsystem – die Gestalter selbst. „Um nicht Einzelne allzusehr zu bevorzugen, habe ich mir die Freiheit genommen, den Anfang zu machen: Ich habe alle Schmuckgestalter und Goldschmiede, Berufsanfänger ebenso wie renommierte Persönlichkeiten – kurzum alle Angehörigen der Berufsgruppe, die ich inzwischen persönlich kennengelernt hatte, als erste Teilnehmergruppe vorgeschlagen“, erklärt Branchenlaie Lim. Mit diesem ersten, etwa 60 Personen starken Kreis brachte er den Stein ins Rollen. Jeder der so Vorgeschlagenen konnte seinerseits wiederum drei Gestalter vorschlagen, die dritte Gruppe dann jeweils zwei und letzte die Gruppe noch jeweils einen. Dabei sein konnte also nur derjenige, der von einem anderen ausgewählt wurde. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von dem Buch, zu dessen Teilnahme man vorgeschlagen werden musste, in der Welt. Von Deutschland nach Argentinien, von Skandinavien nach Neuseeland, von Holland nach Bolivien. Allgemeingültige Kriterien, die die Teilnehmer zu erfüllen hatten, gab es nicht.

Gestalterisches Wagnis
Neben dem „Begründungsstammbaum“ ist die Gestaltung des Buches die zweite grosse Besonderheit von „The Compendium“. Jeder Gestalter hat die Möglichkeit, sich und seine Arbeiten auf zwei Seiten zu präsentieren. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass er seine Seiten fertig gestaltet anliefert. Ausser minimalen formalen Richtlinien gibt es also kein übergeordnetes Grafikkonzept, das für optische Ordnung oder gar ein harmonisches Gesamtbild sorgt. Auch wenn das Buch noch lange nicht fertig ist, eins kann Andy Lim schon jetzt verraten: „Manche Seiten sind katastrophal, andere unheimlich kreativ. Einige Schmuckkünstler haben ihre Seiten selbst gestaltet, andere haben Profis damit beauftragt. Ich denke, die grafische Gestaltung zeigt, genau wie der abgebildete Schmuck, die ganze Bandbreite des derzeitigen internationalen Kreativniveaus“. Die zweite grafische Finesse, die Andy Lim sich für sein Mammutwerk ausgedacht hat, war erneut eine Herausforderung für diejenigen, die den direkten Vergleich mit den Kollegen nicht eben schätzen: Denn die zwei Seiten eines Gestalters liegen sich nicht als Doppelseite gegenüber, sondern müssen umgeblättert werden. Die jeweils erste Seite ist also eine rechte, die zweite eine linke, so dass jeder Künstler jeweils zwei anderen Positionen gegenübergestellt ist. „Auch diese Idee hat wieder sehr kontroverse Reaktionen der Teilnehmer ausgelöst“, berichtet Lim, der einen zusätzlichen, nicht ganz leicht verdaulichen philosophisch-psychologischen Aspekt seines ungewöhnlichen Grafikkonzepts hervorhebt: „Auf diese Weise wird jeder Teilnehmer zu einem Blatt. Wenn man seine Seite aus dem Buch herausreisst, ist er weg – aber nur er, keiner vor ihm und keiner nach ihm. In alphabetischer Reihenfolge geht es einfach weiter, und niemand wird vermisst!“
Nicht nur Begeisterungsstürme
Während die einen Andy Lims ungewöhnliche Buchidee begeistert aufnahmen, gab es auf der anderen Seite von Beginn an ebenso viel Kritik, bei der vor allem das Thema Exklusivität immer wieder im Vordergrund stand. Persönliche Animositäten gesellten sich zu brancheninternen Gereiztheiten. Unter der Quantität leide die Qualität, meinten die einen. Zu viele „namenlose“ Gestalter im Vergleich zu den wenigen international renommierten, beklagten die anderen. Vorwürfe, die der Verleger nicht nachvollziehen kann: „Ich finde, es geht um die Arbeit. Die Menge der abgebildeten Schmuckstücke macht die Arbeit des Einzelnen nicht schlechter, als sie ist. Aber es macht sie auch nicht besser, wenn weniger Teilnehmer dabei sind“, so seine Überzeugung, der er dadurch noch Nachdruck verlieh, dass er die Zahl der zunächst angedachten Teilnehmer kurzerhand von 500 auf 1000 verdoppelte. Ob er damit eher zu einem engeren Zusammengehörigkeitsgefühl oder zu verstärkten Querelen innerhalb einer ohnehin nicht immer einigen Branche beigetragen hat, ist schwer zu sagen. Als durch-weg positiv ist jedenfalls die enorme Resonanz zu bewerten, die „The Compendium“ weltweit ausgelöst hat. Viele der teilnehmenden Gestalter sind vor allem begeistert über die „zensurfreie“ Darstellungsweise und die atypischen Teilnahmebedingungen. Dass sein Projekt von einigen Menschen heftig kritisiert wird, nimmt sich der Verleger jedoch nicht zu Herzen. „Ich finde es wichtig, das zu tun, was man selber gut findet, und sich nicht allzu sehr darum zu kümmern, was andere denken. Wenn jemand mir sagt, dass er dieses Buch nicht so toll findet, dann kann er ja zur Buchmesse fahren – da gibt es jede Menge tolle Bücher. Ich will mit diesem Buch keine Meinung bilden, sondern nur etwas abbilden: und zwar die momentane Position der internationalen Schmuckwelt!“ Auch der Vorwurf, dass einige der wichtigen Meinungsbildner der Branche – zum Teil sicher wegen des unkonventionellen Auswahlverfahrens und zum Teil aus eigener Entscheidung – nicht vorkämen, trifft ihn nicht. Im Gegenteil. Sein persönliches Resümmee zeigt die Branche als ein wenig zusammengehöriges Gefüge: „Solange die Meinungsbildner nicht an einem gemeinsamen Strang ziehen und respektvoll miteinander umgehen, werden sie es nicht schaffen, als künstlerisches Genre ernst genommen zu werden. Was die Fotografie geschafft hat – sich von der angewandten Dienstleistung zu einer anerkannten Kunstform zu entwickeln – ist in der Schmuckwelt noch in weiter Ferne.“

Inspirierend: Künstlerisches Chaos im Arbeitszimmer des Cellisten und Verlegers Andy Lim.

Wenn die Qualität stimmt, ist der Erfolg nicht zu vermeiden, lautet ein Motto des Kölners Andy Lim.
Andy Lim
1963 in China geboren, floh Andy Lim mit seinen Eltern, Musikprofessoren in Peking, während der Kulturrevolution nach Macau und nach Hongkong. Als Siebenjähriger kam er nach Amsterdam, wo er aufwuchs. Vor etwa 25 Jahren zog er nach Köln und studierte Cello an der Kölner Musikhochschule. In den 1990er Jahren begann er, zeitgenössische Kunst zu sammeln (Joseph Beuys, Andy Warhol, Gerhard Richter). Inzwischen interessiert er sich mehr für unbekanntere Namen und jüngere Positionen der Kunstszene.
Der Verlag
Den Verlag Darling Publications gründete Andy Lim 2004. Er benannte ihn nach seinem Shar-Pei, einem chinesischen Faltenhund, dessen Konterfei auf der ersten Seite jeder Publikation abgebildet ist. Bis heute erschienen etwa 30 Kunstbücher. Aus Anfangsfehlern hat der Verleger gelernt: Nachdem das erste Buch noch „in einem Koblenzer Hinterhof schlecht gedruckt und noch schlechter gebunden“ worden war, kooperiert Andy Lim heute für die Produktion seiner Publikationen ausschliesslich mit regionalen Fachbetrieben, die eine hohe Qualität garantieren. Die Kölner Druckerei Asmuth ist für den erstklassigen Druck zuständig, gebunden werden seine Bücher bei der Buchbinderei Hendricks & Lützenkirchen in Kleve. Ab 2009 werden nur noch die bis dahin begonnenen Projekte realisiert.
Zahlen und Fakten
1044 Schmuckgestalter aus 54 Ländern präsentieren sich und ihre Arbeiten in „The Compendium“. Während der Planungs- und Produktionsphase wurden etwa 24 000 Mails zwischen den Gestaltern und dem Verleger hin und her geschickt. Die 2 Bände haben jeweils 1200 Seiten, etwa 70 davon werden informative Artikel über internationale Schulen oder schmuckverwandte Themen sowie Interviews beeinhalten. Jeder Band ist 6,5 Zentimeter hoch, zusammen mit dem handgefertigten Schuber bringt „The Compendium“ ein Gesamtgewicht von ca. 13,5 Kilogramm auf die Waage. 25 000 Kilogramm Papier werden für den Druck der 1500 Exemplare benötigt. Finanziert wird das Projekt sowohl von Darling Publications und den beiden Mitherausgebern, dem Schmuckmuseum Pforzheim sowie der Francoise van den Bosch Stiftung in Amstelveen, als auch von den teilnehmenden Gestaltern. Deren Anteil beträgt je ein Tausendstel der Produktionskosten, das sind 270 Euro pro Teilnehmer – dafür erhält jeder ein persönliches Exemplar von „The Compendium“. Die restlichen 456 Exemplare werden über die beiden Mitherausgeber vertrieben. Jedes Verkaufsexemplar wird 550 Euro kosten.
















