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Uhren

Sommerloch? Dieses Phänomen gibt es in der Uhrenbranche derzeit nicht. Viele verschiedene Themen treiben Industrie und Handel um – von Verkaufszahlen über Personalroulette bis hin zu Markenverkäufen.

Die Stimmung wird besser: Nachdem im vergangenen Jahr die Schweizer Uhrenexporte um 9,9 Prozent eingebrochen waren, zeichnet sich nun eine Trendwende ab. Nach Angaben des Verbands der Schweizerischen Uhrenindustrie FH konnte die Branche den Abwärtstrend der vergangenen eineinhalb Jahre im ersten Halbjahr 2017 stoppen und „schneller als erwartet“ ein stabiles Ergebnis erzielen; im Mai konnte man gar ein Export-Plus von neun Prozent verbuchen.

Insgesamt spricht der Verband von einer „deutlichen Erholung in gewissen Märkten. Die schweizerischen Uhrenexporte legen zwar nicht überall die gleiche Dynamik an den Tag, der Gesamttrend jedoch ist stabil und deutet auf ein Ende des Schrumpfungsprozesses hin.“ Diese Stabilisierung war laut FH eigentlich nicht vor Jahresende erwartet worden. Nach Angaben des Verbands erreichten die Schweizer Uhrenexporte in den ersten sechs Monaten des Jahres den Wert von 9,5 Millionen Franken: „Damit sind sie mit dem Ergebnis des ersten Halbjahres 2016 vergleichbar, die Veränderung belief sich auf bescheidene +0,1 Prozent.“

Die positive Stimmung fußt vor allem auf dem guten Verlauf des zweiten Quartals, das mit einem Plus von 3 Prozent abschließen konnte. Insgesamt sei man für 2017 verhalten zuversichtlich, bilanziert der Verband. Die positive Entwicklung gehe besonders auf mechanischen Uhren zurück, während Quarzprodukte an Boden einbüßen mussten. Auffällig jedoch, dass Uhren für weniger als 200 Franken Exportpreis nicht so stark nachgefragt waren: Im Wert sank ihr Export um über elf Prozent, auf Stückzahlen gesehen wurden 5,6 Prozent weniger ausgeführt. Auch bei den Materialien zeichnet sich ein Trend ab: Laut FH entwickelten sich Golduhren im ersten Halbjahr rückläufig, während Edelstahluhren stärker gefragt waren. Für einen positiven Saldo hätten letztlich Platin- und Bimetallprodukte gesorgt.

Bestätigt wird der positive Trend durch die Swatch Group, die nun ihre Zahlen vorgelegt hat. Demnach konnte der weltgrößte Uhrenkonzern sein Betriebsergebnis im ersten Halbjahr 2017 um 5,1 Prozent auf 371 Millionen Schweizer Franken steigern, den Konzerngewinn sogar um 6,8 Prozent auf 281 Millionen Schweizer Franken. Uhrenverkäufe hätten insgesamt um 1,2 Prozent zugenommen. Vor allem das zweite Quartal war erfolgreich: Die Umsätze in der Schweiz stiegen von April bis Juni um mehr als 21 Prozent. Für das zweite Halbjahr zeigt sich die Swatch Group optimistisch: Im Juni und in den ersten Juliwochen sei bei allen Marken eine Wachstumsbeschleunigung feststellbar gewesen, am ausgeprägtesten im Prestige- und Luxussegment. Gegenüber der „Neuen Zürcher Zeitung“ ging Konzernchef Nick Hayek davon aus, dass die Produktionskapazitäten in den kommenden Monaten wieder ausgelastet sein werden. Darauf könne man schnell reagieren, da man weder Personal abgebaut noch die Produktionskapazitäten heruntergefahren habe.

Einbußen im Luxussegment

Der Rückgang 2016 hatte die Branche alarmiert. Insbesondere die Einbuße bei Luxusuhren, der überproportional gewesen sei, wie René Weber, Uhrenexperte und Finanzanalyst bei der Bank Vontobel, gegenüber dem Schweizer Wirtschaftsmagazin „Bilanz“ konstatierte. Von großer Bedeutung sei dabei, dass Luxusuhren mit einem Preis von über 3000 Franken 2016 zwar lediglich 5,7 Prozent der exportierten Stückzahlen ausmachten, jedoch 65 Prozent des Umsatzes. Zudem sei laut Weber im vergangenen Jahr zum ersten Mal überhaupt der Durchschnittspreis im obersten Uhrensegment gesunken: um 3,3 Prozent auf 8241 Franken. Diesen Rückgang hat auch der deutsche Markt erlebt – mit Ansage, wie Frank-Michael Müller von der Unternehmensberatung responsio, Herausgeber der Marktstudie Uhren-Monitor, sagt: „Vor zwei Jahren haben wir in unseren Umfragen festgestellt, dass die Zahl der Befragten, die bereit sind, mehr als 1000 Euro für eine Uhr zu investieren, sinkt. Das hat sich am Markt bewahrheitet.“ Nun aber steigt dieser Wert wieder: Im Herbst wird Müller den neuen Uhren-Monitor präsentieren, in dem unter anderem deutlich wird, dass die Bereitschaft, mehr Geld für eine Uhr auszugeben, wieder steigt. „Es zeichnet sich ein positiver Trend ab“, sagt Frank-Michael Müller.

Dennoch wird es dauern, den Rückgang 2016 zu verkraften. Noch wirkt er sich etwa durch Stellenabbau in der Branche aus. Erst im März gab die MGI-Gruppe, die unter anderem die Marken Movado und Ebel besitzt, bekannt, dass in Biel Leute entlassen werden. Auch Fossil hatte im Frühjahr Stellen gestrichen – Mitarbeiter des Basler Standortes mussten gehen.

Andernorts aber glaubt man fest an die Branche – das zeigen zahlreiche Neubauten, die derzeit entstehen: Sinn Spezialuhren vergrößert sich mit einem neuen Firmengebäude in Frankfurt-Sossenheim, das im November eingeweiht wird. Nomos Glashütte errichtet derzeit eine neue Fertigungshalle in Schlottwitz, einem Ortsteil von Glashütte, die auf 1000 Quadratmetern mehr Platz für die Uhrenproduktion schaffen soll. Auch Patek Philippe baut: Im Herbst 2018 soll ein Manufakturgebäude fertiggestellt sein, das diverse Abteilungen unter einem Dach zusammenziehen wird und die Entwicklung neuer Technologien sowie die Pflege traditionellen Handwerks ermöglichen soll. IWC erhält ebenfalls ein neues Manufakturgebäude. Für 42 Millionen Schweizer Franken wird in Merishausen ein Gebäude errichtet, in dem auf 13 500 Quadratmetern die Gehäuse- und Werkteilefertigung sowie die Werkmontage von IWC-Manufakturkalibern untergebracht werden. Schon im Oktober nehmen dort die ersten Abteilungen die Arbeit auf. Offiziell eröffnet werden soll der Neubau dann im Juni 2018 zur Feier des 150-jährigen Bestehens von IWC.

Vergrößern wird sich auch Frédérique Constant: In dem Genfer Industriegebiet Plan-les-Ouates wurde im Mai der Grundstein für ein zweites Gebäude gelegt. Das bestätigt den Kurs des ehemaligen Inhabers und heutigen Präsidenten Peter Stas ein Jahr nach der Übernahme durch Citizen. Zu den Plänen von Stas gehört heute die Neupositionierung der zur Gruppe gehörenden Marke Alpina in einem tieferen Preissegment. Außerdem soll die Horological Watch, eine Analoguhr mit smarten Funktionen, weiterentwickelt werden. Denn laut Stas sei auch die Horological Watch für Damen sehr gut angekommen – insgesamt erziele man bereits zehn Prozent des Umsatzes mit smarten Uhren.

Eine ähnlich positive Bilanz zieht Philippe Roten, Commercial Director von Tag Heuer: „Die Connected Watch ist bei uns das Nummer-eins-Produkt“, sagt er. Tag Heuer gehörte zu den ersten „echten“ Uhrenmarken, die in smarte Technologie investierten und unter der Ägide von Jean-Claude Biver, dem Verantwortlichen für die Uhrensparte der LVMH-Gruppe, ein besonders Konzept bieten: Wer will, kann das Innenleben seiner Smartwatch gegen ein mechanisches Werk tauschen lassen. Das kam an: Unter anderem dank der Smartwatch wächst Tag Heuer.

Ein solch positiver Trend zeichnet sich für die Baselworld noch nicht ab. Der Rückgang der Uhrenindustrie 2016 wird sich im nächsten Jahr auf die weltgrößte Schmuck- und Uhrenmesse auswirken. Große Aussteller wie Hermès und Dior werden der Messe künftig fernbleiben, ein neues Platzierungskonzept soll dennoch für eine ansprechende Optik in den Hallen sorgen. Neu ist, dass die Veranstaltung 2018 um zwei Tage verkürzt wird – das hatte die Messeleitung bereits zum Ende der Baselworld 2017 angekündigt. Den noblen Luxusmarken, die in der ersten Reihe der Hallen richtiggehende Messepaläste errichtet haben, will man zudem eine Kostenersparnis ermög-lichen. Laut einem Bericht der Tageszeitung „Basellandschaftliche Zeitung bz“ sollen sie ihre Standbauten eventuell zwei Jahre stehen lassen dürfen, um sich den Auf- und Abbau zu sparen. Nur für die alle zwei Jahre stattfindende Swissbau wäre dann ein Abbau erforderlich.

Bei der Inhorgenta stehen die Zeichen auf Wachstum: Die Messe meldete nun gestiegene Buchungszahlen für Februar 2018: Neun Prozent mehr Aussteller wollen sich auf der Inhorgenta nach aktuellem Stand präsentieren; die Fläche wächst um acht Prozent. „Nach dem schon starken Vorjahr freut uns dieses frühe Buchungsplus ganz besonders“, sagt Projekt-leiterin Stefanie Mändlein. „Viele langjährige Aussteller halten uns die Treue – und wir konnten weitere prominente Marken und interessante Designer gewinnen.“ Dazu zählen unter anderem die Uhrenmarke Wenger und die Schmuckmanufaktur Niessing.

Der Salon International de la Haute Horlogerie (SIHH) meldet für den Januar 2018 ebenfalls eine größere Ausstellung: Hermès wird als neuer Partner auftreten; auch das Carré des Horlogers, in dem sich unabhängige Uhrmacher präsentieren, wird wachsen: Dort präsentieren sich 2018 zum ersten Mal die Marken DeWitt und Romain Gauthier sowie die Chronométrie Ferdinand Berthoud. Letzteres ist besonders interessant, da die Haute-Horlogerie-Marke eine Tochter der Firma Chopard ist. Beim SIHH 2018 werden sich insgesamt 34 Uhrenmarken präsentieren – davon 18 als Hauptaussteller und 16 im Carré des Horlogers. Ob dann Champagnerlaune oder Katerstimmung herrscht, wird der Verlauf des zweiten Halbjahres zeigen …


Georges Kern: Von IWC zu Breitling

Das Personalkarussell dreht sich in diesem Jahr besonders schnell und brachte einige Überraschungen mit sich. Die größte bescherte Georges Kern der Branche: Der ehemalige CEO von IWC war Anfang des Jahres zum Head of Watchmaking, Marketing and Digital im Richemont-Konzern ernannt worden und somit Leiter der Uhrendivision, die er sogleich umzubauen begann. Auf der Strecke blieb zum Beispiel Daniel Riedo, Chef von Jaeger-LeCoultre; verabschiedet wurden mit Juan-Carlos Torres bei Vacheron Constantin sowie Philippe Léopold-Metzger bei Piaget außerdem zwei altgediente CEOs. Man war gespannt auf die weiteren Schritte Kerns – doch es kam anders: Im Juli teilte Georges Kern mit, dass er als CEO zu Breitling gehe. Ohne Pause wird er bereits im August seine Arbeit aufnehmen.

Breitling hatte erst kürzlich für Schlagzeilen gesorgt, als im Mai bekannt geworden war, dass die Firma CVC Capital Partners, eine Private Equity- und Anlageberatungsgesellschaft, 80 Prozent übernommen hat. Einen 20-prozentigen Anteil an Breitling behält Theodore Schneider, Mitglied der früheren Inhaberfamilie. Nun soll auch Georges Kern zum Anteilseigner der Marke geworden sein – wie hoch dieser Anteil ausfällt, ist allerdings nicht bekannt. Kern soll nach Mitteilung von Breitling die Bereich Digital und Vertrieb betreuen – insbesondere in Hinblick auf ein beschleunigtes Wachstum in wichtigen asiatischen Märkten. Der bisherige Breitling-Chef Jean-Paul Girardin bleibt als Vizepräsident der Marke an Bord. Abgesehen davon werde es in der oberen Management-Ebene jedoch personelle Veränderungen geben, heißt es aus dem Umfeld von Kern.

Text Iris Wimmer-Olbort
Illustration Nadine Pfeifer

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